2007-07-22

Vernunft, Glaube, Liebe II

Augustinus (354-430) war bemüht, das vernunftbetonte Denken der griechischen Philosophen mit der gefühlsbetonten Lehre Jesu und seiner Apostel auszusöhnen. Nach Augustinus war der religiöse Glaube der philosophischen Erkenntnis nicht entgegengesetzt, sondern sie ergänzten einander: Um zu verstehen, müsse man glauben, und man müsse verstehen, um zu glauben".
Nach Abaelard muss die Offenbarungsreligion von der Vernunft gerechtfertigt werden.
Averroes unternahm den Versuch, die Gegensätze zwischen der aristotelischen Philosophie und der Offenbarungsreligion zu überwinden, indem er zwischen zwei getrennten Wirklichkeitssystemen unterschied: einem wissenschaftlichen System von Wahrheiten, das sich auf die Vernunft gründet, und einem religiösen System von Wahrheiten, das sich auf Offenbarung gründet, wobei der Vernunft der Vorrang vor der Religion gebühre. Averroes' Lehre von der so genannten "doppelten Wahrheit" beeinflusste viele muslimische, jüdische und christliche Philosophen, wurde allerdings von vielen auch abgelehnt und wurde so zu einer der wichtigsten Streitfragen der mittelalterlichen Philosophie.
Den Anhängern Averroes' hielt Thomas entgegen, dass die Wahrheit des Glaubens und die Wahrheit der Vernunft nicht im Widerspruch zueinander stünden, sondern lediglich zwei unterschiedlichen Bereichen angehörten. Nach Thomas wird die Wahrheit der Naturwissenschaft und die der Philosophie durch logisches Denken anhand von Tatsachen der Erfahrung gewonnen. Die Offenbarungslehren der Religion hingegen, wie die Doktrin der Dreieinigkeit, die Schöpfungsgeschichte sowie andere christliche Dogmen, liegen jenseits der vernunftsmäßigen Erkenntnis und müssen über den Glauben akzeptiert werden.
Scotus wandte sich gegen den Versuch Thomas von Aquins, die rationale Philosophie mit der Offenbarungsreligion in Einklang zu bringen. In einer Variation der Lehre des Averroes von der so genannten "doppelten Wahrheit" vertrat er die Auffassung, alle Glaubensbekenntnisse seien eine Sache des Glaubens, außer der Glaube an die Existenz Gottes, denn diese sei logisch nachweisbar.
Wilhelm von Ockham brachte die in nominalistischem Sinn radikalste Kritik gegen diejenigen Scholastiker vor, die an die immateriellen, unsichtbaren Dinge, wie Ideen, Wesenheiten und Allgemeinbegriffe glaubten. Er behauptete, dass solche abstrakten Wesenheiten bloß Verweise von Wörtern auf andere Wörter und nicht auf reelle Dinge seien. Seine berühmte Regel, die als "Ockhams Rasiermesser" bekannt wurde und die besagte, dass man nie mehr Dinge als existent voraussetzen sollte, als logisch unbedingt notwendig sind, wurde zum Grundsatz der modernen Wissenschaft und Philosophie.
(Großenteils wörtlich aus:
Friedhelm Lövenich: Abendlän­dische Philosophie - (MSN Encarta);
Text in English language)

Vernunft, Glaube, Liebe I

Nam quia in Dei sapientia non cognovit mundus per sapientiam Deum, placuit Deo per stultitiam praedicationis salvos facere credentes.
Denn da die Welt angesichts der Weisheit Gottes auf dem Weg ihrer Weisheit Gott nicht erkannte, beschloss Gott, alle, die glauben, durch die Torheit der Verkündigung zu retten.
For since in the wisdom of God the world through its wisdom did not know him, God was pleased through the foolishness of what was preached to save those who believe.
1 Kor 1, 21

2007-07-17

Fundamentalistische Heilslehren

Fundamentalistische Heilslehren, deren erklärtes Ziel es ist, ein theokratisches System weltbeherrschend zu machen, beispielsweise als "Heiliges Reich" im Sinne des "Christkönigtums" oder des "Wilayat-e Faqih" oder als "geklärter Planet" (Scientology Church), kehren ihre transzendenten Ideen um und wenden sie ins reale Politische. Sie verlassen insofern den Bereich, in dem eine theologische und philosophische Erörterung ihrer Anliegen sinnvoll sein kann. Nicht die beanspruchte Wahrheit ist Gegenstand der Auseinandersetzung mit derartigen Bewegungen, sondern die Frage, ob ihre Ziele und Methoden mit den Menschenrechten vereinbar und insofern tolerierbar sind. Spätestens wenn sich derartige Heilslehren organisieren, wird diese Frage eine vordringliche Angelegenheit des politischen Diskurses und rechtsstaatlicher Abwehrmaßnahmen.

Konsequenzen aus dem Syllabus errorum ./. Grundgesetz

Dem Syllabus errorum aus dem Jahre 1864 zufolge wären für das politische Denken und Handeln eines Katholiken folgende Leitlinien maßgeblich:

  • § 1 Die Kirche soll mit dem Staat und der Staat mit der Kirche verbunden sein. (Konsequenz aus Syllabus errorum #55)
  • § 2 Die katholische Religion soll die einzige Staatsreligion sein; alle übrigen Formen der Gottesverehrung sind auszuschließen. (Konsequenz aus Syllabus errorum #77 und Syllabus errorum #78)
  • § 3 Es steht keinem Menschen frei, diejenige Religion anzunehmen und zu bekennen, die er, vom Lichte der Vernunft geführt, für wahr erachtet. (Konsequenz aus Syllabus errorum #15)
    In diesem Kontext ergibt sich als Konsequenz aus Syllabus errorum #79
  • § 4 Durch restriktive Aufsicht über die Bürger bei der Ausübung jedweden Kults und bei der öffentlichen Kundgabe von Meinungen und Gedanken hat die Obrigkeit dafür Sorge zu tragen, dass die Sitten und Herzen der Völker nicht verdorben und die Pest des Indifferentismus nicht verbreitet werde.

In der Bundesrepublik Deutschland sind derartige politische Leitvorstellungen nicht verfassungskonform.

§ 1 steht im Widerspruch zu

Artikel 33 GG
[Staatsbürgerliche Gleichstellung der Deutschen, Berufsbeamtentum]
(3) Der Genuss bürgerlicher und staatsbürgerlicher Rechte, die Zulassung zu öffentlichen Ämtern sowie die im öffentlichen Dienste erworbenen Rechte sind unabhängig von dem religiösen Bekenntnis. Niemandem darf aus seiner Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einem Bekenntnis oder einer Weltanschauung ein Nachteil erwachsen.


Insbesondere ist beachtlich

Artikel 140 GG
[Recht der Religionsgesellschaften]
Die Bestimmungen der Artikel 136, 137, 138, 139 und 141 der Deutschen Verfassung vom 11. August 1919 sind Bestandteil dieses Grundgesetzes.


Daher ist § 1 nicht verfassungsgemäß auf Grund

Artikel 136 Deutsche Verfassung vom 11. August 1919
(1) Die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten werden durch die Ausübung der Religionsfreiheit weder bedingt noch beschränkt.
(2) Der Genuß bürgerlicher und staatsbürgerlicher Rechte sowie die Zulassung zu öffentlichen Ämtern sind unabhängig von dem religiösen Bekenntnis.
(3) Niemand ist verpflichtet, seine religiöse Überzeugung zu offenbaren. Die Behörden haben nur soweit das Recht, nach der Zugehörigkeit zu einer Religionsgesellschaft zu fragen, als davon Rechte und Pflichten abhängen oder eine gesetzlich angeordnete statistische Erhebung dies erfordert.
(4) Niemand darf zu einer kirchlichen Handlung oder Feierlichkeit oder zur Teilnahme an religiösen Übungen oder zur Benutzung einer religiösen Eidesform gezwungen werden.

Artikel 137 Deutsche Verfassung vom 11. August 1919
(1) Es besteht keine Staatskirche.
(2) Die Freiheit der Vereinigung zu Religionsgesellschaften wird gewährleistet. Der Zusammenschluß von Religionsgesellschaften innerhalb des Reichsgebiets unterliegt keinen Beschränkungen.
(3) Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbständig innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes. Sie verleiht ihre Ämter ohne Mitwirkung des Staates oder der bürgerlichen Gemeinde.
(4) Religionsgesellschaften erwerben die Rechtsfähigkeit nach den allgemeinen Vorschriften des bürgerlichen Rechtes.
(5) Die Religionsgesellschaften bleiben Körperschaften des öffentlichen Rechtes, soweit sie solche bisher waren. Anderen Religionsgesellschaften sind auf ihren Antrag gleiche Rechte zu gewähren, wenn sie durch ihre Verfassung und die Zahl ihrer Mitglieder die Gewähr der Dauer bieten. Schließen sich mehrere derartige öffentlich-rechtliche Religionsgesellschaften zu einem Verbande zusammen, so ist auch dieser Verband eine öffentlich-rechtliche Körperschaft.
(6) Die Religionsgesellschaften, welche Körperschaften des öffentlichen Rechtes sind, sind berechtigt, auf Grund der bürgerlichen Steuerlisten nach Maßgabe der landesrechtlichen Bestimmungen Steuern zu erheben.
(7) Den Religionsgesellschaften werden die Vereinigungen gleichgestellt, die sich die gemeinschaftliche Pflege einer Weltanschauung zur Aufgabe machen.
(8) Soweit die Durchführung dieser Bestimmungen eine weitere Regelung erfordert, liegt diese der Landesgesetzgebung ob.

Artikel 141 Deutsche Verfassung vom 11. August 1919
Soweit das Bedürfnis nach Gottesdienst und Seelsorge im Heer, in Krankenhäusern, Strafanstalten oder sonstigen öffentlichen Anstalten besteht, sind die Religionsgesellschaften zur Vornahme religiöser Handlungen zuzulassen, wobei jeder Zwang fernzuhalten ist.


§§ 2 und 3 sind ganz klar unvereinbar mit

Artikel 4 GG
[Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit]
(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.


§ 4 schränkt die Freiheit der Handlung, der Person, der Meinung und der Lehre in einem weit über die verfassungsmäßige Relativierung dieser Grundrechte hinausgehenden Maß ein:

Artikel 2 GG
[Handlungsfreiheit, Freiheit der Person]
(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

Artikel 5 GG
[Meinungsfreiheit]
(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.
(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.
(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.


§ 4 hält auch folgenden grundgesetzlichen Anforderungen nicht stand:

Artikel 19 GG
[Einschränkung von Grundrechten]
(1) Soweit nach diesem Grundgesetz ein Grundrecht durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes eingeschränkt werden kann, muss das Gesetz allgemein und nicht nur für den Einzelfall gelten. Außerdem muss das Gesetz das Grundrecht unter Angabe des Artikels nennen.
(2) In keinem Falle darf ein Grundrecht in seinem Wesensgehalt angetastet werden.


Allerdings:

»Das Recht auf Gewissensfreiheit und besonders auf Religionsfreiheit, das von der Erklärung Dignitatis humanae des Zweiten Vatikanischen Konzils verkündet wurde, stützt sich auf die ontologische Würde der menschlichen Person, und keineswegs auf eine Gleichheit der Religionen und kulturellen Systeme, die es nicht gibt. In diesem Sinn hat Papst Paul VI. bekräftigt, dass "das Konzil dieses Recht auf Religionsfreiheit in keiner Weise auf die Tatsache gründet, dass alle Religionen und alle Lehren, auch die irrigen, einen mehr oder weniger gleichen Wert hätten; es gründet dieses Recht vielmehr auf die Würde der menschlichen Person, die verlangt, dass man sie nicht äußeren Zwängen unterwirft, die das Gewissen bei der Suche nach der wahre Religion und ihrer Annahme zu unterdrücken drohen". Die Bekräftigung der Gewissens- und Religionsfreiheit widerspricht deshalb nicht der Verurteilung des Indifferentismus und des religiösen Relativismus durch die katholische Lehre, sondern stimmt ganz damit überein.«
KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE: Lehrmäßige Note zu einigen Fragen über den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben (2002-11-24)

Existentiell nötige Religiosität und ihre politische Vergötzung

Uns Menschen tut Religiosität existentiell not; ohne Religiosität hätte unser Verständnis von der Welt und von unserer Stellung in der Welt keinen verlässlichen Anker. Ohne Religiosität wären Führungslosigkeit, Leid, Hass und Ungerechtigkeit nicht widerlegt, ohne Religiosität könnten wir der Wirklichkeit keine Hoffnung entgegensetzen.
Das macht den schwachen Menschen stark. Darin liegt aber zugleich eine Gefahr. Nämlich dass das eigene religiöse Bedeutungsgefüge mit den darunterliegenden Grundmotivationen sich verselbstständigt, seine Bescheidenheit aufgibt, sich verabsolutiert und sich als Ideologie gegen die eigene Person und/oder gegen andere Menschen wendet.

Theologisches Selbstverständnis als "Betrachtung mit den Augen Gottes" -: damit fängt die Hybris bereits an, die in einem Circus vitiosus den Menschen aus dem Blick verlieren und nichts gewinnen kann als nebulösen Umfang. Theologien, die sich nicht mit dem Versuch bescheiden, Gott von den Menschen her zu denken, sondern aufgebrochen sind, den Menschen von Gott her zu denken, erheben sich über die Eigenschaft, die sie dennoch behalten: Menschenwerk zu sein.
Ich wende mich daher strikt gegen die ungefilterte Hereinnahme religiösen Verderbtheits-, Untergangs- und Endzeitdenkens in die Politik. Ich finde es allgemein fragwürdig, wenn gesellschaftliche und politische Probleme und Vorgänge religiös interpretiert werden. Ich achte die Religion eines Menschen, weil ich den Menschen achte; aber eben weil die Religion im Menschen ist, sind religiöse Denk-, Handlungs- und Sprechweisen menschlich - nicht weniger, aber auch nicht mehr. Wer das vergisst und meint, Gottes Denken denke in ihm, er sei Gottes Arm und aus ihm spreche Gottes Wort, ist vermessen, und ich sage - aus meiner Religiosität heraus -: er dient einem Götzen.

Herrschaft Christi - biblisch oder weltlich

Was der versuchte Jesus ablehnt - und auch als auferstandener Christus nicht in Anspruch nimmt -, ist der Besitz der Reiche dieser Welt und deren Macht und deren Pracht. Der gekreuzigte und auferstandene Christus ist als Herrscher nicht vergleichbar einem irdischen König, dessen Macht und Herrlichkeit auf der Macht und Herrlichkeit seines Reiches gründet. Christi Macht ist im Himmel, und sie ist der Möglichkeit und der göttlichen Zielsetzung nach auch auf der Erde; diese Macht auf der Erde wirklich werden zu lassen, lautet der Auftrag Christi an die Seinen.

Das mag ein Kriterium sein für die Unterscheidung zwischen einem öffentlichen, auch politischen Auftreten im Dienste der von Gott kommenden Herrschaft Christi und dem Bestreben, diese Herrschaft Christi weltgemäß zu institutionalisieren und somit zu substituieren.

Quid, Herodes,
Metu langues
Super Christo?
Non est meum,
Inquit, regnum
De hoc mundo.
In aeternis
Non caducis
Iste regnat,
Non haec tollit
Neque cupit,
Qui dat illa.

Daher verstehe man diese Hymnen* geistig-geistlich, nicht politisch-weltlich:

Ex quo, per quem, in quo cuncta,
perpes ipsi gloria,
Cuius regnum sine fine
regna regit omnia,
Ad adventum cuncta suum
disponuntur saecula.


Venite populi,
de longe venite,
et admiramini gentes.
An alia natio tam grandis,
quae habet deos appropinquantes sibi,
sicut Deus noster adest nobis,
cuius in ara veram praesentiam
contemplamur iugiter
per fidem vivam.

* Quid Herodes: Abaelard: HYMNARIUS PARACLITENSIS, 103,3 (In festo Innocentum)
Ex quo, per quem: Abaelard: HYMNARIUS PARACLITENSIS, 81,1 (In festis ss. Angelorum)
Venite populi: Anonymus

2007-07-15

"Weichgespültes" Christentum

Zum Geschwätz von "weichgespülten" Christgläubigen, womit diejenigen gemeint sind, die ihren Glauben nicht durch gedankliches Einscannen amtlich genormter Glaubenssätze gewinnen: Deren "Weichgespültheit" findet in Jesus Christus selbst ihr Urbild, der die Menschen von dem Aberglauben erlöste, sie könnten und müssten Gott beschwören oder sonstwie handhabbar machen, ihn in einen Tempel hineinmystifizieren und seine Sache in einer Verwaltungsstruktur organisieren.

Vernunft und Religion

Die Vernunft halte religiöse Selbstsucht im Zaum! Man kann es auch, weniger säkularistisch, mit Johannes Scotus Eriugena (810-877) sagen: Zwar ist die Offenbarung  der menschlichen Vernunft nicht zugänglich; aber Offenbarung wie Vernunft stammen von dem Einen Gott, können folglich einander nicht widersprechen. Stellt also die Vernunft einen Widerspruch zu einer Offenbarung fest, so muss sie dem Anspruch dieser Offenbarung, göttlichen Ursprungs zu sein, widersprechen.

Zwei Haltungen müssen das Denken daran hindern, sich über seine Möglichkeiten und die Vernunft zu erheben: Liebe, und zwar Menschenliebe, (Augustinus) und Demut (Cusanus).
Liebe:

«Quia vero caritas aedificat (1 Cor 8,1), non permittit scientiam inflari.» (Augustinus, Sermo 354,6).
«Weil aber die Liebe aufbaut (1 Korinther 8,1), erlaubt sie es der Wissenschaft nicht, sich aufzublähen.» (Augustinus, Predigt 354,6).

Demut:
«Da der Erkenntnistrieb nicht umsonst in uns ist, geht unser Verlangen offenbar dahin zu wissen, dass wir nichts wissen. Bringen wir dieses Verlangen zur Vollendung, so erlangen wir die Wissenschaft des Nichtwissens (doctam ignorantiam).»
Nicolaus von Cues: Von der Wissenschaft des Nichtwissens (De docta ignorantia), 1. Buch, 1. Kap.
«Der große Dionysius sagt, die Erkenntnis Gottes führe mehr zum Nichts, als zu etwas hin. Das heilige Nichtwissen belehrt uns aber, dass, was der Vernunft nichts zu sein scheint, eben das unbegreiflich Größte ist.»
Derselbe, ebenda, 3. Buch, 17. Kap.

Religion als objektivierter Glaube und Glaube als subjektivierte Religion

Von der Instrumentalisierung transzendierter Glaubensimplantate
Oder:
Von der Gefährlichkeit der Verabsolutierung des Relativen und der Relativierung des Absoluten

Religion muss für vieles herhalten. Sie bedient Weltbilder, Regelungsbedarf, Beschwörungsbedarf, Rechtfertigungsbedarf, Sendungsbewusstsein, individuelle und ethnokulturelle Identität. Gäb's keine Religion, der Mensch würde sie sich erfinden; so sehr verlangt sein subjektiver Geist nach objektiver Verankerung. In der Religion kommt das unruhige, anfechtbare und angefochtene Subjektive zur Ruhe und Gewissheit. Ehrfürchtig und liebevoll schaut es auf zu seiner Objektivierung als dem Absoluten.

Mensch besetzt das Absolute zonenweise. Das Resultat, die Kartographie des Absoluten, findet sich in jedem Schulatlas. Kreuze an Schulraum- und Gerichtssaalwänden, Bärte und Locken, Hüte und Kappen, Verbeugungen und Kniefälle, Verhüllungen und Beschneidungen von Körperteilen, Rufe und Gesänge, Lautsprecher und Glocken, Türme und Schiffe zeigen lokale und personale Residenzen von Varianten des Absoluten an.

Wirst du im emsländischen Papenburg geboren, hast du mit hoher Wahrscheinlichkeit römisch-katholische Eltern, feierst die Erstkommunion, wirst gefirmt, heiratest katholisch und erziehst deine Kinder entsprechend. Kommst du hingegen im 20 km entfernten ostfriesischen Leer zur Welt, hast du mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit evangelische Eltern, wirst konfirmiert, heiratest protestantisch und erziehst deine Kinder entsprechend. Es sei denn, deine Eltern haben eine Migrationsbiographie. Dann wirst du mit hoher Wahrscheinlichkeit Muslim sein und mit einem muslimischen Partner ehelich verbunden werden und Kinder in die Welt setzen, die die Religion deiner Väter annehmen und weitervererben werden.

Mithin wird das invariante Absolute in konkreten Varianten gedacht. Welchem Menschen wäre auch etwas anderes möglich? Und das ist auch gut so.

Es ist gut so - es sei denn, die Denker nähmen das Gedachte als Absolutes.

  • Dann nämlich kann ein junger Orientale ein gutes Gewissen haben, wenn er, um die Ehre seiner Familie wiederherzustellen, im Auftrag des Familienrats seine europäelnde Schwester tötet.
  • Dann kann sich ein unterbelichteter Präsident von Gott beauftragt sehen, den Irak zu bombardieren und zu besetzen.
  • Dann kann sich ein Mann mit der heiligen Schrift, an deren göttlichen Ursprung er glaubt, rechtfertigen, wenn er seine Frau schlägt, die ihn mit eigenen Ansichten aus der Fassung gebracht hat.
  • Dann können sich nicht wenige Islamgelehrte und muslimische Ärzte auf Gottes Gesetz berufen, wenn sie fordern und in die Tat umsetzen, die sexuelle Erregbarkeit von Mädchen und Frauen durch Verkürzung der Klitoris herabzusetzen.
  • Dann entbehrt es nicht eines theologischen Untergrunds, wenn ein frommer Bibelübersetzer das Judentum als verlogen verabscheut und wenn er in Wort und Schrift Rechtfertigungsgründe für antijüdische Pogrome liefert. «Solches sol man thun, unserm Herrn und der Christenheit zu ehren damit Gott sehe, das wir Christen seien.» (Von den jüden und iren lügen, 1543)
  • Dann kann man es als eine heilige Handlung ansehen, wenn ein Mann Gottes Hunderte von Priestern einer konkurrierenden Religion zusammentreiben lässt und eigenhändig abschlachtet.

Man kann also in ein bestimmtes religiöses Umfeld hineingeboren werden und, von ihm geprägt, in es hineinwachsen. Gegen diesen Enkulturationsprozess spricht nichts und wirklich gar nichts. Aber: Das Moment der Entscheidung geht diesem verinnerlichten Glaubensimplantat ab. Mit der Aufnahme der religiösen Muttermilch ist eine stille Feiung des jungen Menschen gegen religiöse Fremdeinwirkungen verbunden. Solange die Selbstverständlichkeit seines Selbstverständnisses nicht durch existenziell kritische Diskrepanzerlebnisse in Frage gestellt ist, weiß man nicht recht auf die Infragestellung seines Glaubens zu reagieren und sind daher Versuche, seinen Glauben rational, in der Kommunikation nachvollziehbar zu rechtfertigen, im allgemeinen in Hinsicht auf die Tiefe aufgesetzt, in Hinsicht auf die Logik zirkelschlüssig und in Hinsicht auf die Wirkung vielleicht beeindruckend, nicht aber eigentlich überzeugend.
Damit kann man aber doch leben - - - es sei denn, der Implantatsträger beginnt, um sein Implantat zu fürchten, sei es weil es sich auflösen könnte, sei es weil er selbst es abstoßen könnte. Angst um den Bestand des Selbstverständnisses kann Überreaktionen hervorrufen, die nicht nur die Innenwelt, sondern auch das Verhalten zur Außenwelt in Unordnung bringen.
Damit allerdings kann man nicht gut leben.

Fürwahr, Religion muss für vieles herhalten. Sie  bedient Weltbilder, Regelungsbedarf, Beschwörungsbedarf, Rechtfertigungsbedarf, Sendungsbewusstsein, individuelle und ethnokulturelle Identität. Gäb's keine Religion, der Mensch würde sie sich erfinden; so sehr verlangt sein subjektiver Geist nach objektiver Verankerung. In der Religion kommt das unruhige, anfechtbare und angefochtene Subjektive zur Ruhe und Gewissheit. Ehrfürchtig und liebevoll schaut es auf zu seiner Objektivierung als dem Absoluten.

Der (religiöse) Glaube nennt die Idee des Zwecks aller Zwecke und des höchsten Guts "Gott". Wiewohl Objekt des Glaubens, entzieht sich Gott aber der Objektivierung durch das glaubende Subjekt: er ist für den Glaubenden das eigentliche, ihn bestimmende Subjekt, und Glauben ist dasjenige Denken, das in dieser inbegrifflichen Subjektivität aufgehoben ist.
Religion aber ist Bindung durch Lehrsätze, Hierarchie, Bimbam und Klimbim, worin mancher Glaube Halt zu finden sucht.

Siehe auch: Johannas Web-Journal: Absolutheit.

Credo ut..., credo quia...

Nicht "credo ut intellegam" (ich glaube, damit ich verstehe) oder "credo ut cognoscam" (ich glaube, damit ich erkenne), nämlich gar kein "credo ut" (ich glaube, damit).
"Do ut des" (ich gebe, damit du gibst) ist heidnische Glaubenshaltung, nicht aber christliche (und vermutlich auch nicht islamische, wenn ich an Ra-bi'a al-'Adawiyya, 717-801, denke).

Ein "credo quia absurdum est" ist als Credo ein Nichts, denn jeder weiß von anderen und sogar von sich selbst, dass in Köpfen vielfältige absurde Vorstellungen nisten, die, wenn ihre Absurdität schon zureichender Grund wäre, sie in einem Glaubensakt für Wahrheit zu halten, einen Glauben an alles, nur nicht an die Entfaltbarkeit der Vernunft begründeten.

2007-07-10

Ratzinger: Zur Gotteserkenntnis

Die kleine Johanna (63, nichtrömisch, dem Papsttum an sich abhold) muss auf ihre alten Tage errötend ihre neue Liebe gestehen: Joseph Ratzinger (80).
Er schreibt in seinem Jesus-Buch etwas, was vielerorts auch geschrieben steht, bei ihm aber wie ein erlösendes Wort auf mich wirkt:

Quote:
Die ganze große Frage, wie man Gott erkennen und wie man ihn nicht erkennen kann, wie der Mensch zu Gott stehen und wie er ihn verlieren kann, steht hier [*] vor uns. Der Hochmut, der Gott zum Objekt machen und ihm unsere Laborbedingungen auflegen will, kann Gott nicht finden. Denn er setzt bereits voraus, dass wir Gott als Gott leugnen, weil wir uns über ihn stellen. Weil wir die ganze Dimension der Liebe, des inneren Hörens ablegen und nur noch das Experimentierbare, das in unsere Hand gegeben ist, als wirklich anerkennen. Wer so denkt, macht sich selbst zu Gott und erniedrigt dabei nicht nur Gott, sondern die Welt und sich selber.
[Joseph Ratzinger, Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth. Erster Teil: Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung. Herder, Freiburg im Breisgau, 2007. S. 66.]
[* Anmerkung von mir, J.: Bezug auf die Rebellion des in der Wüste Durst leidenden Israel gegen Mose und gegen Gott: "Ist der Herr in unserer Mitte oder nicht?" (Ex 17,7)]

Der Mensch Ratzinger, zur Zeit auch Papst, gegen etwas, was ich religiösen Positivismus nennen würde, und nicht nur - was auch drinsteckt - gegen religiösen Fetischismus: ein Grund weniger, nicht römischer Katholik zu sein oder zu bleiben oder zu werden.

Das Weltkönigtum als Versuchung Jesu

1. Die Versuchung zum Weltkönigtum

Matthäus 4
8 Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg; er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht
9 und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest.
10 Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen.

Lukas 4
5 Da führte ihn der Teufel (auf einen Berg) hinauf und zeigte ihm in einem einzigen Augenblick alle Reiche der Erde.
6 Und er sagte zu ihm: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir überlassen und ich gebe sie, wem ich will.
7 Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören.
8 Jesus antwortete ihm: In der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen.


2. Die Macht Christi im Himmel und auf Erden

Matthäus 28
18 Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde.
19 Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes,
20 und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.

Ratzinger: Zum Königtum Jesu


»Der Teufel führt den Herrn visionär auf einen hohen Berg. Er zeigt ihm alle Königreiche der Erde und deren Glanz und bietet ihm das Weltkönigtum an. Ist das nicht genau die Sendung des Messias? Soll er nicht der Weltkönig sein, der die ganze Erde in einem großen Reich des Friedens und des Wohlstands vereinigt?« [S. 67]
Jesu »Macht setzt das Kreuz voraus, setzt seinen Tod voraus. Sie setzt den anderen Berg voraus - Golgotha, wo er, von den Menschen verspottet und von den Seinigen verlassen, am Kreuz hängt und stirbt. Das Reich Christi ist anders als die Königreiche der Erde und ihr Glanz, den Satan vorführt. Dieser Glanz ist, wie das griechische Wort doxa besagt, Schein, der sich auflöst. Solchen Glanz hat Christi Reich nicht. Es wächst durch die Demut der Verkündigung in denen, die sich zu seinen Jüngern machen lassen, die getauft werden auf den dreifaltigen Gott und die seine Gebote halten (Mt 28,19f).« [S. 68]
Der wahre Gehalt der Versuchung »wird sichtbar, wenn wir sehen, wie sie die Geschichte hindurch immer neue Gestalt annimmt. Das christliche Kaisertum versuchte alsbald, den Glauben zum politischen Faktor der Reichseinheit zu machen. Das Reich Christi soll nun doch die Gestalt eines politischen Reiches und seines Glanzes erhalten. Der Ohnmacht des Glaubens, der irdischen Ohnmacht Jesu Christi soll durch politische und militärische Macht aufgeholfen werden. In allen Jahrhunderten ist in vielfältigen Formen diese Versuchung immer neu aufgestanden, den Glauben durch Macht sicherzustellen, und immer wieder drohte er gerade in den Umarmungen der Macht erstickt zu werden. Der Kampf um die Freiheit der Kirche, der Kampf darum, dass Jesu Reich mit keinem politischen Gebilde identisch sein kann, muss alle Jahrhunderte geführt werden. Denn der Preis für die Verschmelzung von Glauben und politischer Macht besteht zuletzt immer darin, dass der Glaube in den Dienst der Macht tritt und sich ihren Maßstäben beugen muss.« [S. 68f.]
Barabbas (Bar-Abbas: "Sohn des Vaters"), Origines zufolge in vielen Handschriften der Evangelien bis ins 3. Jahrhundert "Jesus Barabbas" genannt, war eine Art messianischer Doppelgänger zu Jesus, freilich mit einer ganz anderen Zielsetzung und Handlungsweise: nämlich der des politischen, gewalttätigen Aufstandes (Mk 15,7; Lk 23,19.25; Mt 27,16). Mit Jesus und Barabbas, beide messianische Gestalten, stehen "zwei Formen des Messianismus" einander gegenüber. Von Pilatus vor die Wahl gestellt, welcher von beiden freigegeben werden soll, entscheiden die Massen sich nicht für diesen "geheimnisvollen Jesus, der das Sich-Verlieren als Weg zum Leben verkündet", sondern für den "Messias, der den Kampf anführt, der Freiheit und das eigene Reich verspricht".« [S. 69f.]

Ratzinger: Zur Regno-Zentrik des Christentums

Aus Ratzingers Jesus-Buch zitiere ich eine Passage, die ich für das Anliegen des interreligiösen Dialogs als bedeutsam ansehe:
Inzwischen hat sich in breiten Kreisen, besonders auch der katholischen Theologie, eine säkularistische Umdeutung des Reichsgedankens entwickelt, die eine neue Sicht des Christentums, der Religionen und der Geschichte im Allgemeinen entfaltet und mit dieser tiefgehenden Umgestaltung die angebliche Botschaft Jesu wieder aneignungsfähig machen will. Es wird gesagt, vor dem Konzil habe Ekklesiozentrik geherrscht, die Kirche sei als der Mittelpunkt des Christentums hingestellt worden. Dann sei man zur Christozentrik übergegangen und habe Christus als die Mitte des Ganzen gelehrt. Aber - so sagt man - nicht nur die Kirche trennt, auch Christus gehört eben nur den Christen. So sei man von der Christozentrik zur Theozentrik aufgestiegen und sei damit schon näher an die Gemeinschaft der Religionen herangerückt. Aber noch sei damit das Ziel nicht erreicht, weil ja auch Gott trennend zwischen den Religionen und zwischen den Menschen stehen kann.
Deshalb müsse nun der Schritt zur Regno-Zentrik, zur Zentralität des Reiches getan werden. Das sei ja schließlich die Mitte von Jesu Botschaft gewesen, und das sei der richtige Weg, um endlich die positiven Kräfte der Menschheit im Zugehen auf die Zukunft der Welt zu bündeln. "Reich" - das bedeute einfach eine Welt, in der Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung herrschen. Um nichts anderes gehe es. Dieses "Reich" müsse als das Ziel der Geschichte hergestellt werden. Und das sei der wahre Auftrag der Religionen: für das Kommen des "Reiches" zusammenzuarbeiten... Sie könnten im Übrigen durchaus ihre Traditionen bewahren, jede ihre Identität leben, aber sie müssten mit ihren je verschiedenen Identitäten zusammenwirken für eine Welt, in der Friede, Gerechtigkeit und Respekt vor der Schöpfung bestimmend sind.

Das klingt gut: Auf diesem Weg scheint es möglich, dass Jesu Botschaft endlich universal angeeignet wird, ohne dass man die anderen Religionen missionieren muss; nun scheint sein Wort endlich einen praktischen Inhalt gewonnen zu haben und so die Verwirklichung des "Reiches" zur gemeinsamen Aufgabe zu werden und damit in die Nähe zu rücken. Aber wenn man näher hinsieht, wird man doch stutzig: Wer sagt uns eigentlich, was Gerechtigkeit ist? Was in der konkreten Situation der Gerechtigkeit dient? Wie Friede geschaffen wird? Bei näherem Hinsehen erweist sich das alles als utopistisches Gerede ohne realen Inhalt, sofern man nicht im Stillen Parteidoktrinen als von jedermann anzunehmenden Inhalt dieser Begriffe voraussetzt.
Vor allem aber zeigt sich: Gott ist verschwunden, es handelt nur noch der Mensch. Der Respekt vor den religiösen "Überlieferungen" ist nur scheinbar. Sie werden in Wirklichkeit als eine Menge von Gewohnheiten angesehen, die man dem Menschen lassen soll, obwohl sie im Letzten überhaupt nicht zählen. Der Glaube, die Religionen werden finalisiert auf politische Ziele hin. Nur das Einrichten der Welt zählt. Religion zählt so weit, wie sie dabei behilflich sein kann. Die Nähe dieser nachchristlichen Vision von Glaube und Religion zur dritten Versuchung Jesu[*] ist beunruhigend.

[Joseph Ratzinger, Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth. Erster Teil: Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung. Herder, Freiburg im Breisgau, 2007. S. 82-84.]
[* Mt 4,8-10: Weltkönigtum. Siehe dazu Ratzinger, a.a.O., S. 67-74.]
[Hervorhebungen und Anmerkung von mir, JH.]

Aus dieser Analyse Ratzingers (erster Abschnitt), insbesondere aus seinen kritischen Bemerkungen zu dem Analysierten (zweiter Abschnitt), erwachsen für den interreligiösen Dialog einige Fragen, die dann konstruktiv sein können, wenn man von der polemischen Rahmung absieht, die Ratzinger vorgenommen hat, nämlich
* von dem angeblichen Motiv irgendjemandes, die "Botschaft Jesu wieder aneignungsfähig" zu machen;
* von dem angeblichen Bestreben irgendjemandes, an eine "Gemeinschaft der Religionen" heranzurücken;
* von irgendjemandes angeblicher Reduzierung der Gottesreichs-Idee auf "Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung" "als das Ziel der Geschichte" und der "wahre Auftrag der Religionen".
Mit dieser Rahmung bereitet der Verfasser den im zweiten Zitatabschnitt vorgenommenen Aufbau eines Popanzes vor, den er dann mit despektierlichem Genuss denunzieren kann: Regno-Zentrik als nachchristliches, gottloses, politisch-utopisches Gerede, offen für beliebige ideologische Ausfüllungen.
Der schwerwiegendste intellektuelle Fehler dieser Popanzfledderei liegt darin, dass der Theologe eine der von ihm selbst herausgestellten Prämissen regno-zentrischen Denkens nicht ernstgenommen hat: die Bewahrung der je eigenen religiösen Identität.
Das Zusammenwirken je verschiedener religiöser Identitäten "für eine Welt, in der Friede, Gerechtigkeit und Respekt vor der Schöpfung bestimmend sind", wird ja doch wohl einen Diskurs über die Begriffe und über Konzepte des Friedens, der Gerechtigkeit und des Schöpfungsrespekts beinhalten; und falls die einzelnen Religionen dazu keinen Beitrag ohne Preisgabe ihrer Identitäten zu leisten imstande wären, wäre es um ihr Selbstverständnis und um den Bestand der Menschheit schlecht bestellt.
In dieser Hinsicht lässt Ratzinger in seinem Jesus-Buch eine ermutigende Stellungnahme vermissen.

Wenn wir nun aber von der popanzkritischen Rahmung der zitierten Ausführungen absehen, können wir ihnen eine wertvolle methodische Anregung für den religiösen/interreligiösen Dialog entnehmen. Parallel zu der Begrifflichkeit Ekklesiozentrik, Christozentrik, Theozentrik und Regno-Zentrik, die der Benennung theologischer Schwerpunktsetzungen dient, lassen sich Felder benennen, auf denen sich verschiedene religiöse Identitäten sinnvoll begegnen können. (Unter Begegnung verstehe ich mehr als nur Informationsaustausch. Sinnvoll nenne ich eine Begegnung, wenn sie unter einer gemeinsamen Fragestellung auf beiderseitigen Verstehensgewinn, wenn nicht gar auf Verständigung angelegt ist.)
Ich skizziere, was ich meine:
* Ein binnengemeinschaftlicher Diskurs setzt gemeinsame Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft voraus. Beispielsweise wird es zwischen katholischen und evangelischen Christen in der Frage des ersten Vatikanischen Konzils keinen Dialog, sondern bestenfalls einen Disput geben; Gleiches gilt für Muslime und Christen in der Frage der Gottessohnschaft Jesu. Statt solcher kaum ergiebigen Dispute empfiehlt es sich, Verstehens- und Verständigungsmöglichkeiten in einer weiteren Perspektive zu suchen.
* Ein jesusbezogener Dialog erscheint mir gerade zwischen Christen und Muslimen sehr aussichtsreich, sofern es um moralische Werte geht.
* Ein theologischer Dialog (im übergreifenden Sinne der Theo-Logie), sinnvoll gerade auch unter dem abrahamitischen Aspekt, mit möglichen Folgen für die Zusammenarbeit an der Humanisierung der Gesellschaften und der Welt-Innenpolitik.
* Weltordnungsbezogener (religiös-moralischer) Diskurs.
* Menschenwürdebezogener (ethisch-politischer) Diskurs ohne unmittelbaren religiösen Bezug.

Es geht nicht darum, eine gemeinsame Religion zu entwerfen und die Wahrheit herauszufinden oder zu verkünden, sondern es geht darum, zusammen zu leben. Gerade das ist aber nicht möglich, wenn man beim Zugehen auf den anderen nur besorgt ist um die eigene Identität. Ich stimme dem Papst ohne jede Einschränkung zu, wenn er sagt:

Nur über die Anerkennung der Zentralität der Person kann man eine gemeinsame Verständigungs-Grundlage finden, eventuelle kulturelle Gegensätze überwinden und die explosive Kraft der Ideologien neutralisieren.
Papst Benedikt XVI., 2005-08-20

2007-07-02

Zu mir selbst

Als ich noch jung war, hört ich treu und zahm
der Frommen und Gelehrten Diskussion
um Gott und Welt. - Das Ende, das es nahm:
Ich ging zur selben Tür hinaus, durch die ich kam.
Omar Chajjam, Rubaijat