2008-08-14

Apotheose / Deifikation / Sanktifikation / Kanonisation / Beatifikation / Idolisierung / Heroisierung

Die Apotheose (Deifikation / Sanktifikation / Kanonisation / Beatifikation / Idolisierung / Heroisierung) von Menschen dürfte auf dem Urbedürfnis gründen, diejenigen Tugenden und Tüchtigkeiten unverletzlich und personifiziert festzumachen, die - entgegen der Unvollkommenheit und Armseligkeit des tatsächlich gelebten Lebens - dem eigenen Lebensentwurf Sinn, Zweck, Orientierung und Rückhalt geben.

Die Erhebung menschlicher Vorbilder in spirituelle Gefilde schafft vielen Menschen die Möglichkeit, sich zu identifizieren, d.h. eine Identität zu gewinnen. Der Verankerung dieser gefundenen Identität in das Selbst dient die Ritualisierung, insbesondere wenn sie in der Gemeinschaft mit einem oder möglichst vielen gleichgesinnten Mitmenschen gepflegt wird.

Wir befinden uns hier im anthropologischen Dreiländereck Psychologie/Religion/Politik, dessen Tektonik sowohl besondere Achtung als auch besondere Achtsamkeit gewidmet werden sollte. (Ohne Zahl nämlich sind die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die skrupellos, weil im Namen des Vergötterten, begangen worden sind; und dieser unterirdische Schoß ist fruchtbar noch.)

Was nachhaltig unverletzlich (geheiligt) sein soll, bedarf der Mystifizierung; denn nur das hinreichend Geheimnisvolle entzieht sich dem schnöden Zugriff der Sinne und der Hinter-Fragen. Dass das gelinge, ist der Zweck der Geheimkunst verzaubernder Verhüllung. Die Rolle derer, die nicht eingeweiht sind, was unter der Hülle vor sich gehen mag, sondern nur, dass da etwas vor sich gehe, ist, sich durch rituelles Feiern des Geheimnisses in ein spirituelles Hochgefühl zu versetzen und so die Konservierung der Heiligkeit des heiligenden Vorgangs zu rahmen und mitzutragen. Dadurch, fürwahr, vermittelt sich den einzelnen ein Gefühl der Einbettung in ein Großes, Ganzes und ein Bewusstsein bedeutungsvoller Identität.

Phänomenologisch betrachtet weisen manch Religiöses einerseits und manch Volksverführerisches andererseits gleiche Strukturen auf
* in der Art, wie sie ihre Inhalte und Ziele idealisieren und der Kritik zu entziehen suchen,
* in der Art, wie sie ihre Ideale symbolisieren und wie sie wiederum ihre Symbole erhöhen,
* in den Methoden der Rollenzuweisung an die Einzelnen und der Vergemeinschaftung der Einzelnen,
* in den Methoden der Verbreitung und des Schutzes ihrer Inhalte und
* in der solennen Ritualisierung des Umgangs mit ihren Inhalten und Symbolen.

Religiöse Menschen sollten eine Auseinandersetzung mit dieser strukturellen Nähe nicht scheuen; im Gegenteil. In diesem Thema steckt einiges drin, was durch Hinweise auf das geglaubte absolute Wahrheitswissen der jeweils eigenen Glaubensgemeinschaft völlig unzureichend behandelt wäre. So manche Massenideologie und so manches demagogisches Politkonzept neigen zu einer religionsanalogen Selbstheiligung und sind darin immer wieder erfolgreich. Umgekehrt gibt es religiöse Strömungen, die, wenn man ihnen freien Lauf lässt, zur Durchsetzung ihrer Heiligkeitsanschauung sich der Mittel ideologiehafter Suggestion, totalitärer Gehirnwäsche und terroristischer oder tyrannischer Gewaltanwendung bedienen. Wenn zur Durchsetzung ihrer Weltanschauung Potentaten sich heiligen lassen und Religiöse zu struktureller oder physischer Gewalt greifen, liegt die Frage nach dem Begriff des Heiligen und nach der Rechtfertigung von Heiligungen auf dem Tisch des Hauses, und sie schreit danach, anthropologisch - psychologisch, theologisch, politologisch - beackert zu werden.

Zwei Vorfragen stelle ich mir:
1. Was ist der Grund für die Entsprechung religiöser und nichtreligiöser Gleichschaltungsstrategien?
2. Wie lasse ich mich von dem Heiligen ergreifen?

Zu 1.
Ich unterscheide zwischen den Begriffen der Glaube und das Glauben.
Unter letzterem verstehe ich eine (re)konstruktive und produktive, nie bloß rezeptive und reproduktive geistige Tätigkeit: sich suchend annähern, sich um rechtes Verstehen der Botschaft bemühen, die Bedeutung der verstandenen Botschaft für sich selbst entdecken, dem Boten vertrauen, sich auf die in seiner Botschaft liegenden Konsequenzen einstellen durch Arbeit an sich und botschaftsgerechtes Handeln.
Hingegen ist der Glaube keine Tätigkeit, sondern etwas Vorentschiedenes, Angenommenes, an dem man (sich) festhält, das man reproduziert, das man vielleicht auch nur schlicht rezipiert hat.
Der Dynamik und Personengebundenheit, die das Glauben kennzeichnet, steht die Statik und Vermittelbarkeit gegenüber, die den Glauben ausmacht. Der statische, vermittelbare Glaube hat mit der Ideologie die Vorgegebenheit und die Tendenz zur Wahrung des Vorgegebenen gemein. Beständig kann Vorgebenes nur sein, wenn es übernommen wird, wie es ein für allemal geschaffen worden ist. Der Rezipient ist daher auf Traditionstreue festgelegt. Darin aber liegt eine fundamentale Gleichschaltungstendenz beschlossen.
Im Unterschied dazu begegnen dem in dem anderen Sinn Glaubenden in Glaubensbrüdern und -schwestern nicht Gleichgläubige oder, parteiisch ausgedrückt, Rechtgläubige, sondern Dialogpartner.

Zu 2.
Häufig schwelge ich im Zustand der Verzauberung und gebe mich ihm hin. Der Schein einer Kerzenflamme, Schubertsche Klänge, Barfußlaufen am Brandungssaum, das Mienenspiel meines Enkelsöhnchens, das Schlagen meiner Gartennachtigall, Erinnerung an meine Mutti selig, eine Kleistsche Novelle, die schnurrig-schmusige Zufriedenheit meines Kätzchens und auch, sehr oft: ein plötzliches Gefühl des unerklärlichen Aufgehobenseins, der Geborgenheit, mitten in der Misere.
Diese Hingabe wird von meinem Verstand gnädig gebilligt, und wohlwollend gibt er mir Urlaub von sich und sich Urlaub von mir.
Das Schöne wie das Erhabene, das Heilige inbegriffen, sind die Ambrosia meiner kleinen Seele, und mein Intellekt ist, Gott sei Dank, nicht so despotisch, mir diese Atzung madig zu machen. Allerdings war er bei der Inkubation der meisten meiner bisherigen Verzauberungen mitspracheberechtigt und hatte Gelegenheit zu vermelden, ob die bevorstehende Hingabe sich zur Selbstaufgabe auszuwachsen drohe. So gelang es mir bislang meistens, hingegeben ganz und ganz ich zu bleiben (oder gar zu werden) und nicht zum Spielball des Verzaubernden.
Das Gesagte betrifft voll und ganz auch mein Verhältnis zum Heiligen (und zu Heiligen). Geheiligt (als Unverletzliches achtenswert) ist für mich nur dasjenige Erhabene, das mich und mit mir jeden anderen heiligt (in mir und jedem anderen das Unverletzliche achtet und uns so heil lässt oder heil macht).
Daher kann mir mein Vaterland nicht heilig sein - es mangelt ihm (wie jedem anderen Vaterland) sowohl an der Erhabenheit als auch am Heil-Bringen. Auch ein Despot kann mir nicht heilig sein, und wäre er der Allmächtige selbst - ihm, dem Lieblosen und Ungeliebten, kommt es nicht darauf an, ob er oder ob er nicht Vertrauen zu denen haben kann, die er unterdrückt, sondern nur auf die Durchsetzung seiner Macht.
Solcherlei Kritik muss aushalten, was oder wer sich anschickt, mich als Heiliges in seinen Bann zu ziehen. Mich verschlingen lassen will ich nicht, und wäre der Schlund auch noch so schön oder schaurig.

Der Verstand kann auch zu korrupten Zwecken prostituiert werden, nämlich dann, wenn die praktische Vernunft (als "das Vermögen sittlicher Prinzipien" - Kant -) unterentwickelt ist oder sich von Trieben hat breitschlagen lassen.
Das steckte in meinem Oberstübchen, als ich dieses für mich gültige Prinzip niederschrieb: "Geheiligt (als Unverletzliches achtenswert) ist für mich nur dasjenige Erhabene, das mich und mit mir jeden anderen heiligt (in mir und jedem anderen das Unverletzliche achtet und uns so heil lässt oder heil macht)." Was mich verschlingen oder erdrücken will oder andere entwürdigen oder vernichten will, kann mir nicht heilig sein.

Daher ist beispielsweise diejenige Gottesprojektion, die im Buch Ezechiel, Kapitel 9 vorgenommen ist, ein Gräuel, eine Fratze des Heiligen, das Unheilige schlechthin:

Die Herrlichkeit des Gottes Israels schwebte von den Kerubim, über denen sie war, hinüber zur Schwelle des Tempels. Er rief den Mann, der das leinene Gewand anhatte und an dessen Gürtel das Schreibzeug hing. Der Herr sagte zu ihm: Geh mitten durch die Stadt Jerusalem und schreib ein T auf die Stirn aller Männer, die über die in der Stadt begangenen Gräueltaten seufzen und stöhnen.
Und ich hörte, wie er zu den anderen sagte: Geht hinter ihm her durch die Stadt und schlagt zu! Euer Auge soll kein Mitleid zeigen, gewährt keine Schonung! Alt und jung, Mädchen, Kinder und Frauen sollt ihr erschlagen und umbringen. Doch von denen, die das T auf der Stirn haben, dürft ihr keinen anrühren. Beginnt in meinem Heiligtum!
Da begannen sie bei den Ältesten, die vor dem Tempel standen. Er sagte zu ihnen: Macht den Tempel unrein, füllt seine Höfe mit Erschlagenen! Dann geht hinaus und schlagt in der Stadt zu!
Sie schlugen zu und ich allein blieb übrig; da fiel ich nieder auf mein Gesicht und schrie: Ach, Herr und Gott, willst du deinen ganzen Zorn über Jerusalem ausschütten und auch noch den letzten Rest Israels vernichten?
Er sagte zu mir: Die Schuld des Hauses Israel und des Hauses Juda ist groß, ja übergroß. Das Land ist voll Blutschuld, die Stadt ist voll Unrecht. Sie sagen: Der Herr sieht es nicht; der Herr hat das Land verlassen.

Ein Gott, der nicht bedenkt, dass Kinder keine Schuld vor ihm haben können, auch die Schuld ihrer Väter nicht zu beurteilen und folglich nicht zu beklagen wissen und daher kein rettendes T auf die Stirn gemalt bekommen, und der diese Kinder zum Schlachtopfer macht, zwecks Befriedigung seiner Rachegelüste, gehört ins Reich der üblen Träume, aber nicht in das, was ich eine heilige Schrift nennen möchte.

Hingegen erkenne ich Heiligkeit und sogar jesuanischen Geist in der chassidischen Erzählung "Einen Menschen umbringen" (die hier nachzulesen ist), an deren Ende es heißt:

Die Thora [lehrt uns]: einen Menschen umbringen, das muss Gott allein uns befehlen, und hat er`s schon getan, wenn dann das winzigste Englein kommt und uns sagt: 'Streck deine Hand nicht aus', so haben wir dessen Spruch zu folgen.
Amen.

Aber: Es ist würdig und recht, das Erhabene, Schöne, ja Erotische des Heiligen in den Schalen der Ästhetik zu bewahren. Von dort mag es den Dürstenden und Trunkenen, Hungernden und Satten, Sehenden und Blinden, Hörenden und Tauben, Pilgernden und Sesshaften zulächeln:

Marica Bodrožic': Ein Kolibri kam unverwandelt

Ein Kolibri kam unverwandelt
in die Gattung der Träume hinein,
sah sich um, sah die dort vorhandenen
Menschen, malte seine Flügel blau und sagte
zu den Zweibeinigen: ich bin der Himmel.
Die Farbe sprach dafür.
Aber die Leute hatten keine Beweise.
Also schwiegen sie feige um die Schönheit
herum, gaben vor, Diplomatie zu betreiben.
Sie rechneten, betrieben Kalkulation
und teilten am Ende dem Kolibri mit,
man habe beschlossen, Farbe,
das sei Illusion. Der Vogel staunte,
er lernte das Staunen unvermittelt
von den Menschen, flog zu den lila Blüten,
setzte sich hin und packte sein Zauberbuch aus.
Dann blätterte er einige Mal hin und her,
verwandelte sich in einen Schmetterling,
malte seine Flügel blau und sagte
zu den Menschen: ich bin der Himmel.
Die Farbe sprach dafür.
Aber die neuen Kinder hatten keine Träume mehr.
Sie nahmen das sprechende Wunder
zwischen die Finger. Und erst der Staub
rief sie ins Staunen. Der Schmetterling
wurde unterdessen gelb, flog in die Urgegend
der Bilder, ruhte auf den reifenden Zitronen,
wurde ein Kolibri, kam unverwandelt
in die Gattung der Träume hinein,
sah sich um, sah die dort vorhandenen
Menschen, und hatte Geduld.

Schlußbemerkung: Ein hervorragendes, vielleicht einziges Korrektiv gegen die Irrungen apotheotisch abgehobenen Geistes ist die Satire. Ich darf als leuchtendes Beispiel die Divi Claudii Apocolocyntosis (Verkürbissung des gerade vergöttlichten Kaisers Claudius) von Lucius Annaeus Seneca erwähnen (Latein, mit deutscher Übersetzung, bei gottwein.de).
Manch ein Heiliger sollte von seinem Sockel heruntergelacht werden - um der Idee des Heiligen willen. (Freilich kann solche Desekrationstätigkeit auch eine Art (negative) Idolatrie sein, wenn sie aus Lust oder Neid das Kind mit dem Bade ausgießt und in den Schmutz zieht; da muss man halt auf sich selbst aufpassen.)

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