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2008-11-14

Zur Bedeutung der Historizität des religiös Relevanten

Geschichtlichkeit, Wirklichkeit, wirkliches Geschehen in einem religiös relevanten Sinne hängt nicht von geschichtswissenschaftlichen oder sonstwie wissenschaftlichen Befunden ab. Geschichtlichkeit, Wirklichkeit, wirkliches Geschehen in einem religiös relevanten Sinne ist Bedeutungsraum glaubender Zuwendung; er kommt als solcher in den Lebensgeschichten der Einzelnen und in der Menschengeschichte im allgemeinen umdeutend, umgestaltend, Fakten schaffend zur Welt.

Die biographischen Daten Goethes interessieren mich schlichtweg nicht, wenn Goethes Geist in einem Werk wie diesem über mich kommt:

Nachts, wann gute Geister schweifen,
Schlaf dir von der Stirne streifen,
Mondenlicht und Sternenflimmern
Dich mit ewigem All umschimmern,
Scheinst du dir entkörpert schon,
Wagest dich an Gottes Thron.
Selbst wenn sich jemand den Johann Wolfgang Goethe "nur" ausgedacht hätte, wäre die Wirkung des Goetheschen Werks auf überaus bedeutsame Weise wirklich.

2008-08-14

Religiöse Bildung

Meine Großmutter väterlicherseits hatte um 1900 herum noch den Katechismus, eine Batterie von Bibelsprüchen, ein halbes Gesangbuch und eventuell noch einen kirchengeschichtlichen Leitfaden auswendig zu lernen. Diese Kenntnisse schoss sie ein halbes Jahrhundert später, wenn sie mich als ihre "sonderliche" Enkeltochter bei Besuchen meinte begutachten zu müssen, wie Giftpfeile auf mich ab. Ich erlebte sie nie als eine gute Großmutter, obwohl (oder vielleicht weil?) sie in der Religion "gut bewandert und ausgebildet" war, und die Bibel, mit der sie mich malträtiert hatte, lernte ich erst nach ihrem Hingang als heilige Schrift schätzen.

Mitte des 19. Jahrhunderts (1854) hatte das preußische Kultusministerium die von Ferdinand Stiehl, Oberregierungsrat im preußischen Kultusministerium, ausgearbeiteten »Regulative für das Volksschul-, Präparanden- und Seminarwesen« erlassen. Sie wiesen einem theologisch konservativen Religionsunterricht und einem dynastisch-patriotischen Geschichtsunterricht die zentrale Stellung in der Volksschule zu, schrieben den Elementarschulen ein erdrückendes Maß an Memorierstoff aus Bibel und Gesangbuch vor und schlossen die Lehramtsanwärter von der Lektüre der klassischen Schriftsteller aus. Die Volksschullehrer sollten nicht räsonieren, sondern die Kinder zu arbeitstüchtigen und vor allem gehorsamen Untertanen und Kirchgängern heranbilden, gebunden an Patriotismus und vorgegebenes, vorgeschriebenes religiöses Formelwissen. (Siehe da.)
Dagegen stritt - seinerzeit ohne Aussicht auf Erfolg - Stiehls Antagogist, der Lehrerseminarleiter F. Adolph W. Diesterweg, mit bildungstheoretischen und psychologischen Argumenten:

"Es giebt Viele, welche meinen, man müsse den Lehrern nur Richtiges, Unbedingtes und Absolutes hingeben, und sie zur unbedingten, wenn auch zum Theil erzwungenen und sklavischen Annahme und Befolgung der aufgestellten Satzungen bestimmen. Zu diesen gehöre ich nicht. Ich kann mir keine wahre, selbsteigene, d.h. zu eigen gewordene Bildung denken, ohne Untersuchung und Prüfung, ohne Selbstdenken und Anstrengung."
[Wegweiser zur Bildung für deutsche Lehrer. (1834)]

Ja, was ist Bildung?
Was ist Religiosität?
Was ist religiöse Bildung?
Soll der je eigene Weg der jungen Menschen bei der Entwicklung ihrer Religiosität eine Rolle spielen? Ist tradierte Religion Anregung und Angebot für die je eigene religiöse Entwicklung? Oder ist sie Vorschrift und Lernstoff, so dass in ihrem Namen die je eigenen Wege unterbunden werden müssen?
Angeregt durch ein Zitat Khaled Abou El Fadls: "piety creates and pursues the rules but rules do not create piety", frage ich allgemeiner:
Entwickelt sich durch die Übernahme einer Religion eine Beziehung zu Gott? Oder entsteht Religion durch die Beziehung zu Gott?
Ist Religion außer uns oder in uns zu suchen?
Wie kann das Verhältnis zwischen statutarischer (in Sätze und Satzungen gegossener) Religion und innerer (vom Gläubigen geglaubter und gelebter) Religion gesehen werden?
In welcher Beziehung steht die Aneignung des systematisierten Wissens und die gewohnheitsmäßige Übernahme der rituellen Praktiken einer tradierten Religion zur Eigentlichkeit individuellen Glaubens?
Muss Glauben eine Sache des Gehorsams gegenüber einer Religion als Vorgeschriebenem sein? Oder kann unter Glauben, fernab von Vorschriften und Gehorsam, die freudige Bereitschaft verstanden werden, auf den erfahrenen (oder ersehnten) Liebesanspruch Gottes liebevoll zu antworten?
Und was folgt aus den möglichen Antworten auf diese Fragen für die religiöse Erziehung? Und kann eine religiöse Erziehung, in der der Glaube als Pflicht vermittelt ist, den so Erzogenen religiös soweit zurechtstutzen, dass er nicht mehr fähig und geneigt ist, eine tiefere Religiosität zu entfalten? Und ist das weniger bedenklich, als wenn er seinen Glauben von den an ihn herangetragenen Religionsnormen abweichend weiterentwickelt?

Glaube und Gottesliebe

Ich lasse mich gern spielerisch und entdeckungsfreudig auf christliche und nichtchristliche Variationen bzw. Parallelführungen der jesuanischen Kernaussage ein.

Augustinus (Vorträge zum Johannesbrief an die Parther 5,7):

Dilectio ergo sola discernit inter filios dei et filios diaboli. Signent se omnes signo crucis Christi; respondeant omnes, amen; cantent omnes, alleluia; baptizentur omnes, intrent ecclesias, faciant parietes basilicarum: Non discernuntur filii dei a filiis diaboli, nisi caritate. Qui habent caritatem, nati sunt ex deo: Qui non habent, non sunt nati ex deo. Magnum indicium, magna discretio. Quidquid vis habe; hoc solum non habeas, nihil tibi prodest: Alia si non habeas, hoc habe, et implesti legem.
Die Liebe allein also unterscheidet zwischen den Söhnen Gottes und den Söhnen des Teufels. Mögen sich alle mit dem Zeichen des Kreuzes bezeichnen, mögen alle Amen antworten, mögen alle Halleluja singen, mögen alle sich taufen lassen, in die Kirchen eintreten, Kirchenwände errichten: Der Unterschied zwischen den Kindern Gottes und den Kindern des Teufels liegt einzig und allein im Besitz der Liebe. Die die Liebe haben, sind aus Gott geboren, die sie nicht haben, sind nicht aus Gott geboren. Ein sicheres Indiz, eine sichere Unterscheidung. Magst du haben, was immer du willst; hast du dies allein nicht, nützt es dir nichts. Magst du anderes nicht haben, bemühe dich um dies, und du hast (damit) das Gesetz erfüllt.

Rābi'a al-'Adawiyya (717-801):

O mein Herr,
wenn ich Dich anbete aus Furcht vor der Hölle,
verbrenne mich in der Hölle,
und wenn ich Dich anbete aus Hoffnung auf das Paradies,
schließe mich davon aus.

Aber wenn ich Dich anbete um Deiner Selbst willen,
dann versage mir nicht Deine ewige Schönheit.

Omar Khayyam (Chajjam):

Although the creeds number some seventy-three,
I hold with none but that of loving Thee;
What matter faith, unfaith, obedience, sin?
Thou'rt all we need, the rest is vanity.

Aus den Erzählungen der Chassidim (gesammelt und übersetzt von M. Buber):

Einmal war der Sinn des Baalschem so gesunken, daß ihm schien, er könne keinen Anteil an der kommenden Welt haben.
Da sprach er zu sich: "Wenn ich Gott liebe, was brauche ich da eine kommende Welt?"


2008-02-26

Glauben ist unverschämt


Ich halte Glauben für unverschämt: Der Glaubende will mehr als nur methodische Sorgfalt im Umgang mit Texten. Er will sich nicht damit abfinden, dass die vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten auf dem "vielfältigen Wesen" des Textes beruhen. Glauben kommt ins Stolpern, wenn es sich bewusst macht, wie es tickt, und wenn ihm in den Sinn kommt, Wahrheit sei ein jeweiliger Spielstand im Spiel konkurrierender Interpretationen.

Der Glaubende will aus verschiedenen Gründen genau das verstehen, was der Verfasser oder der Veranlasser des Textes wollte, dass er versteht. Sei es aus Strafvermeidungsbedürfnis, sei es aus Liebe zu dem, auf den sich der Glaube richtet: Glaube will nicht der wissenschaftlichen Diskussion anheimstellen oder sonst herumeiernd im Ungewissen lassen, was von dem kommt, der höher ist als alle menschliche Vernunft, was also über ästhetisches, philosophisches und theologisches Vergnügen hinaus Bedeutendes, und zwar Eindeutig-Bedeutendes ist, was folglich nicht irgendwie orakelhaft in den Gedankenraum menschlicher Geistesgeschichte abgeladen worden ist, sondern - in unbegreiflicher Güte - dem Glauben offenbart worden ist. Denn der Glaube schließt aus, sich auf etwas Gleichgültiges oder Irrsinniges zu richten oder auf etwas, was zur Rücksichtnahme auf das begrenzte Verstehensvermögen des Glaubenden nicht imstande oder bereit wäre.

Der Glaube will also, und das macht ihn unverschämt, nicht etwas Plausibles, Naheliegendes, sondern: den offenbarten Text genau so verstehen, wie Gott ihn versteht; er will kongeniales Textverständnis. Wollte der Glauben das nicht, würde er diffus - richtungslos - dämmern - kein Licht sehen.

Ohne seine Unverschämtheit wäre Glaube Kleinglaube oder nichts. Oder rationale Theologie (gegen die ich überhaupt nichts habe).


2008-01-02

Offenbarungsglaube

Wer sein Haus liebt, den verlangt es nicht nach Analysen des Untergrunds; im Gegenteil, schon die Anfrage weist er genervt als Störung zurück: bedenklich an ihr sei nicht der Inhalt, sondern die Absicht. Was er begrüßt und als Bestärkung nimmt, das sind Beruhigungen und Zerstreuungen seiner eigenen Zweifel, gegen die er das Haus doch gebaut hat.
Ein Mensch, der sich mühevoll in eine Überzeugung eingeigelt hat, aus Furcht, er könnte auf seinem Lebensweg sich falsch orientieren und verloren gehen (get lost), muss Zweifel und Fragen, ja sogar schon die abweichende Sichtweise eines anderen als Versuchung, als aggressiven Versuch der Verunsicherung empfinden und zurückweisen.

Es gibt zwar einige wissenschaftlich hieb- und stichfeste Befunde und sehr viele spekulative Annahmen darüber, wer wann wo warum wozu was zur ehrwürdigen Architektur des Hauses beigetragen hat. Hochinteressant, das. Aber bewegt es irgend jemanden dazu, Wohnung in diesem Hause zu nehmen? Da gibt es doch etwas anderes, etwas, das wirklich bewegt, nicht wahr? Bewegt, ins Haus einzugehen oder in seiner Nähe ein Zelt aufzuschlagen oder disgusted das Weite zu suchen. Unabhängig von der Frage, wie gesichert oder ungesichert die Gutachten über die Standfestigkeit des Untergrunds sind, ja sogar unabhängig von der Frage, wie sicher oder unsicher der Untergrund in Wahrheit ist.

* Ob jemand in ein Haus einzieht,
* ob er dieses Haus überhaupt für bewohnbar halten kann,
* ja, ob dieses Haus das einzige ist, in dem er aus Verantwortung sich selbst gegenüber Wohnung nehmen kann,
* und, wenn er einzieht, ob und inwieweit er das Haus mitgestalten kann und dieses Haus eine Umgestaltung zulässt,
das hängt kaum bis überhaupt nicht von wissenschaftlichen Befunden ab, schon gar nicht von spekulativen Fremdannahmen, geschweige denn von Drohungen irgendwelcher Erbengemeinschaften.

Oder anders. Reden wir einmal über Geschichten.
Die Vernunft, die sich keinen Urlaub geben will, sucht in Geschichten den transportierten Sinn, versucht, sich die transformierte Information hell zu machen. Sie möchte dem Urheber der Geschichten entgegengehen.
[Ein kleiner Exkurs: Nach der Theorie des Empedokles (eines der großen Hellenen des 5. vorchristlichen Jahrhunderts) beruht das Sehen in einem Zusammentreffen von Ausströmungen aus dem Objekt mit einem suchenden Sehstrahl des Subjekts. Ende des kleinen Exkurses.]
Siehe, da schreibt einer eine Geschichte auf.
Er hat sie als Beteiligter erlebt.
Oder sie ist ihm zu Ohren gekommen.
Oder er hat sie ersonnen.
Vielleicht speist sie sich aus zweien dieser Quellen oder aus allen dreien.
Jedenfalls geht ihm das Herz vom Inhalt seiner Geschichte über, und an ihm will er andere Menschen ebenso teilhaben lassen.
Die Geschichte als Mittler zwischen einem reich gewordenen Herzen und anderen, die sich diesem Reichtum aufschließen, weil sie spüren, dass er sie ein Stück weit oder gar ganz ganz machen kann.

Bei der Komposition, Weitergabe und Aufnahme der Geschichte geschieht mit ihrem Inhalt Erhebliches. In der Kommunikation wird dem Geschichteninhalt etwas aufmoduliert, das von den Kommunikanten und ihrer Beziehung zueinander abhängt: von den Kapazitäten, Widerständen, Intensionen und Intentionen, Kondensationen, Filtern und Verstärkern, von den kommunikativen Absichten und von den kommunikativen Erwartungen. Diese Aufmodulierungen sind spezifisch persönlich und relational bis hin zur Verdeckung und Verfremdung, vielleicht gar Verkehrung des Geschehenen oder Ersonnenen. Allein schon die Sprache und dann gar der Sprachstil transformieren das zu Transportierende.
Hätte beispielsweise Matthäus den Inhalt der Markus-Botschaft nicht für Judenchristen aufbereitet, sondern, sagen wir einmal, für teutonische Stämme, und hätte Johannes seine Botschaft nicht in die Umgebung hellenisch gebildeter Juden gestellt, sondern in den Denkraum der Inuit - ihre Botschaften hätten ganz eine andere Färbung, Schwerpunktsetzung, Sprache. Ganz sicherlich hieße es dann nicht "im Anfang war der Logos", und auch die Bemühung alttestamentlicher Zitate, mit denen das haarkleine Eintreten des Prophezeiten überzeugend belegt werden sollte, würde für Teutonen und Inuit weder eine Verständnishilfe darstellen noch überhaupt von Belang sein.

Auf das System, das nun gar die Schriftgelehrten und nach Selbstgerechtigkeit Dürstenden aus der Geschichte gebastelt haben, verzichte ich mit großer Freude. Als wäre durch Dogmen der Mangel behoben oder auch nur behebbar, den Jesus bei den Seinen(!) - die doch leibhaftig bei ihm als ihrem Lehrmeister waren und denen im Unterschied zu allen Außenstehenden und Nachgeborenen sein O-Ton in den Ohren geklungen haben musste - heftig beklagte!

Ich bin nun zu einem Schluss gelangt. Als Anhang, quasi zur Veranschaulichung meines Umgangs mit Geschichten, füge ich nun noch ein paar nachweihnachtliche Bemerkungen zu meiner Schau der mir am Herzen liegenden Mirjam an:

In Mirjam, so sehe ich das, vollendet sich die Menschwerdung Gottes.
Ich meine das nicht nur mit Blick auf ihren schwangeren Leib.
In Mirjam vollendet sich die Menschwerdung Gottes, denn:
Sie ist Mensch, und das, anders als ihr Sohn, absolut, ohne Alternative, ohne zweite Natur.
Sie ist Frau - ein Aspekt des Menschen, der die Herrlichkeit der Ein-Gott-Religion bemerkenswert kontrastiert und ergänzt und die Auch-Weiblichkeit dessen, der den Menschen nach seinem Bild erschaffen hat, unterstreicht.
Ich sehe: die dreizehnjährige Mirjam, eher noch jünger, und Josef, sechzehnjährig, eher noch jünger, von ihren Eltern einander versprochen.
Ich sehe: das Mädchen Mirjam, eingebunden in die alltäglichen Pflichten ihres Elternhauses, aber auch nicht ohne vertrauliche Träumereien und ausgelassene Scherze mit Freundinnen.
Und dann wird sie schwanger, und das nicht von ihrem Verlobten. Eine Katastrophe für das Mädchen und den jungen Mann und ihre Familien. Ein Ereignis, das nur durch eine besondere Erklärung nicht verhängnisvoll enden kann. Dafür sind Träume da. Und Traumdeutungen.
Und Mirjam bewegte dies alles in ihrem Herzen.
Erst die Gottesgelehrten, die Nachfolger Jesu, die nach seinem Tod die Lücken zu schließen sich bemühten, die in ihrem Verstehen von Natur und Lehre ihres Meisters klafften; erst diese Gottesgelehrten komponierten Mirjams Lebensgeschichte und beschäftigten sich insbesondere mit dem Bezug zwischen ihrer Fraulichkeit und Mutterschaft und dem, der gen Himmel gefahren war.
Wie weit auch immer man diesen Geschichten und Deutungen folgen mag -: In Mirjam vollendet sich die Menschwerdung Gottes. So sehe ich das.
So weit wie der Chorus mysticus in Goethes Faust gehe ich nicht: "Jungfrau, Mutter, Königin, Göttin". Weiß Gott, nicht. Aber: Sie zieht uns hinan.
So sehe ich das. Und lege im Unterschied zu Anhängern orientalischer Mythen auf eine sonderbare leibliche Jungfräulichkeit einer mehrfachen Mutter keinerlei Wert.

2007-11-25

Awaiting a word from God

Merely asking and waiting for a word from God may be inappropriate, scilicet the attitude of an infant awaiting parental care and step-by-step guidance.
I think, certain religions are misunderstood: as a cosy mother's lap or womb onto or respectively into which the believer can flee from the needs and deficiencies and discrepancies and hardships and dilemmas of the world, in a word: flee from the world itself.
I can't believe that such a childishness could be just that child-like mindset that has been praised in Jesus's Sermon on the Mount.

2007-07-22

Vernunft, Glaube, Liebe II

Augustinus (354-430) war bemüht, das vernunftbetonte Denken der griechischen Philosophen mit der gefühlsbetonten Lehre Jesu und seiner Apostel auszusöhnen. Nach Augustinus war der religiöse Glaube der philosophischen Erkenntnis nicht entgegengesetzt, sondern sie ergänzten einander: Um zu verstehen, müsse man glauben, und man müsse verstehen, um zu glauben".
Nach Abaelard muss die Offenbarungsreligion von der Vernunft gerechtfertigt werden.
Averroes unternahm den Versuch, die Gegensätze zwischen der aristotelischen Philosophie und der Offenbarungsreligion zu überwinden, indem er zwischen zwei getrennten Wirklichkeitssystemen unterschied: einem wissenschaftlichen System von Wahrheiten, das sich auf die Vernunft gründet, und einem religiösen System von Wahrheiten, das sich auf Offenbarung gründet, wobei der Vernunft der Vorrang vor der Religion gebühre. Averroes' Lehre von der so genannten "doppelten Wahrheit" beeinflusste viele muslimische, jüdische und christliche Philosophen, wurde allerdings von vielen auch abgelehnt und wurde so zu einer der wichtigsten Streitfragen der mittelalterlichen Philosophie.
Den Anhängern Averroes' hielt Thomas entgegen, dass die Wahrheit des Glaubens und die Wahrheit der Vernunft nicht im Widerspruch zueinander stünden, sondern lediglich zwei unterschiedlichen Bereichen angehörten. Nach Thomas wird die Wahrheit der Naturwissenschaft und die der Philosophie durch logisches Denken anhand von Tatsachen der Erfahrung gewonnen. Die Offenbarungslehren der Religion hingegen, wie die Doktrin der Dreieinigkeit, die Schöpfungsgeschichte sowie andere christliche Dogmen, liegen jenseits der vernunftsmäßigen Erkenntnis und müssen über den Glauben akzeptiert werden.
Scotus wandte sich gegen den Versuch Thomas von Aquins, die rationale Philosophie mit der Offenbarungsreligion in Einklang zu bringen. In einer Variation der Lehre des Averroes von der so genannten "doppelten Wahrheit" vertrat er die Auffassung, alle Glaubensbekenntnisse seien eine Sache des Glaubens, außer der Glaube an die Existenz Gottes, denn diese sei logisch nachweisbar.
Wilhelm von Ockham brachte die in nominalistischem Sinn radikalste Kritik gegen diejenigen Scholastiker vor, die an die immateriellen, unsichtbaren Dinge, wie Ideen, Wesenheiten und Allgemeinbegriffe glaubten. Er behauptete, dass solche abstrakten Wesenheiten bloß Verweise von Wörtern auf andere Wörter und nicht auf reelle Dinge seien. Seine berühmte Regel, die als "Ockhams Rasiermesser" bekannt wurde und die besagte, dass man nie mehr Dinge als existent voraussetzen sollte, als logisch unbedingt notwendig sind, wurde zum Grundsatz der modernen Wissenschaft und Philosophie.
(Großenteils wörtlich aus:
Friedhelm Lövenich: Abendlän­dische Philosophie - (MSN Encarta);
Text in English language)

Vernunft, Glaube, Liebe I

Nam quia in Dei sapientia non cognovit mundus per sapientiam Deum, placuit Deo per stultitiam praedicationis salvos facere credentes.
Denn da die Welt angesichts der Weisheit Gottes auf dem Weg ihrer Weisheit Gott nicht erkannte, beschloss Gott, alle, die glauben, durch die Torheit der Verkündigung zu retten.
For since in the wisdom of God the world through its wisdom did not know him, God was pleased through the foolishness of what was preached to save those who believe.
1 Kor 1, 21

2007-07-17

Herrschaft Christi - biblisch oder weltlich

Was der versuchte Jesus ablehnt - und auch als auferstandener Christus nicht in Anspruch nimmt -, ist der Besitz der Reiche dieser Welt und deren Macht und deren Pracht. Der gekreuzigte und auferstandene Christus ist als Herrscher nicht vergleichbar einem irdischen König, dessen Macht und Herrlichkeit auf der Macht und Herrlichkeit seines Reiches gründet. Christi Macht ist im Himmel, und sie ist der Möglichkeit und der göttlichen Zielsetzung nach auch auf der Erde; diese Macht auf der Erde wirklich werden zu lassen, lautet der Auftrag Christi an die Seinen.

Das mag ein Kriterium sein für die Unterscheidung zwischen einem öffentlichen, auch politischen Auftreten im Dienste der von Gott kommenden Herrschaft Christi und dem Bestreben, diese Herrschaft Christi weltgemäß zu institutionalisieren und somit zu substituieren.

Quid, Herodes,
Metu langues
Super Christo?
Non est meum,
Inquit, regnum
De hoc mundo.
In aeternis
Non caducis
Iste regnat,
Non haec tollit
Neque cupit,
Qui dat illa.

Daher verstehe man diese Hymnen* geistig-geistlich, nicht politisch-weltlich:

Ex quo, per quem, in quo cuncta,
perpes ipsi gloria,
Cuius regnum sine fine
regna regit omnia,
Ad adventum cuncta suum
disponuntur saecula.


Venite populi,
de longe venite,
et admiramini gentes.
An alia natio tam grandis,
quae habet deos appropinquantes sibi,
sicut Deus noster adest nobis,
cuius in ara veram praesentiam
contemplamur iugiter
per fidem vivam.

* Quid Herodes: Abaelard: HYMNARIUS PARACLITENSIS, 103,3 (In festo Innocentum)
Ex quo, per quem: Abaelard: HYMNARIUS PARACLITENSIS, 81,1 (In festis ss. Angelorum)
Venite populi: Anonymus

2007-07-15

"Weichgespültes" Christentum

Zum Geschwätz von "weichgespülten" Christgläubigen, womit diejenigen gemeint sind, die ihren Glauben nicht durch gedankliches Einscannen amtlich genormter Glaubenssätze gewinnen: Deren "Weichgespültheit" findet in Jesus Christus selbst ihr Urbild, der die Menschen von dem Aberglauben erlöste, sie könnten und müssten Gott beschwören oder sonstwie handhabbar machen, ihn in einen Tempel hineinmystifizieren und seine Sache in einer Verwaltungsstruktur organisieren.

Vernunft und Religion

Die Vernunft halte religiöse Selbstsucht im Zaum! Man kann es auch, weniger säkularistisch, mit Johannes Scotus Eriugena (810-877) sagen: Zwar ist die Offenbarung  der menschlichen Vernunft nicht zugänglich; aber Offenbarung wie Vernunft stammen von dem Einen Gott, können folglich einander nicht widersprechen. Stellt also die Vernunft einen Widerspruch zu einer Offenbarung fest, so muss sie dem Anspruch dieser Offenbarung, göttlichen Ursprungs zu sein, widersprechen.

Zwei Haltungen müssen das Denken daran hindern, sich über seine Möglichkeiten und die Vernunft zu erheben: Liebe, und zwar Menschenliebe, (Augustinus) und Demut (Cusanus).
Liebe:

«Quia vero caritas aedificat (1 Cor 8,1), non permittit scientiam inflari.» (Augustinus, Sermo 354,6).
«Weil aber die Liebe aufbaut (1 Korinther 8,1), erlaubt sie es der Wissenschaft nicht, sich aufzublähen.» (Augustinus, Predigt 354,6).

Demut:
«Da der Erkenntnistrieb nicht umsonst in uns ist, geht unser Verlangen offenbar dahin zu wissen, dass wir nichts wissen. Bringen wir dieses Verlangen zur Vollendung, so erlangen wir die Wissenschaft des Nichtwissens (doctam ignorantiam).»
Nicolaus von Cues: Von der Wissenschaft des Nichtwissens (De docta ignorantia), 1. Buch, 1. Kap.
«Der große Dionysius sagt, die Erkenntnis Gottes führe mehr zum Nichts, als zu etwas hin. Das heilige Nichtwissen belehrt uns aber, dass, was der Vernunft nichts zu sein scheint, eben das unbegreiflich Größte ist.»
Derselbe, ebenda, 3. Buch, 17. Kap.

Religion als objektivierter Glaube und Glaube als subjektivierte Religion

Von der Instrumentalisierung transzendierter Glaubensimplantate
Oder:
Von der Gefährlichkeit der Verabsolutierung des Relativen und der Relativierung des Absoluten

Religion muss für vieles herhalten. Sie bedient Weltbilder, Regelungsbedarf, Beschwörungsbedarf, Rechtfertigungsbedarf, Sendungsbewusstsein, individuelle und ethnokulturelle Identität. Gäb's keine Religion, der Mensch würde sie sich erfinden; so sehr verlangt sein subjektiver Geist nach objektiver Verankerung. In der Religion kommt das unruhige, anfechtbare und angefochtene Subjektive zur Ruhe und Gewissheit. Ehrfürchtig und liebevoll schaut es auf zu seiner Objektivierung als dem Absoluten.

Mensch besetzt das Absolute zonenweise. Das Resultat, die Kartographie des Absoluten, findet sich in jedem Schulatlas. Kreuze an Schulraum- und Gerichtssaalwänden, Bärte und Locken, Hüte und Kappen, Verbeugungen und Kniefälle, Verhüllungen und Beschneidungen von Körperteilen, Rufe und Gesänge, Lautsprecher und Glocken, Türme und Schiffe zeigen lokale und personale Residenzen von Varianten des Absoluten an.

Wirst du im emsländischen Papenburg geboren, hast du mit hoher Wahrscheinlichkeit römisch-katholische Eltern, feierst die Erstkommunion, wirst gefirmt, heiratest katholisch und erziehst deine Kinder entsprechend. Kommst du hingegen im 20 km entfernten ostfriesischen Leer zur Welt, hast du mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit evangelische Eltern, wirst konfirmiert, heiratest protestantisch und erziehst deine Kinder entsprechend. Es sei denn, deine Eltern haben eine Migrationsbiographie. Dann wirst du mit hoher Wahrscheinlichkeit Muslim sein und mit einem muslimischen Partner ehelich verbunden werden und Kinder in die Welt setzen, die die Religion deiner Väter annehmen und weitervererben werden.

Mithin wird das invariante Absolute in konkreten Varianten gedacht. Welchem Menschen wäre auch etwas anderes möglich? Und das ist auch gut so.

Es ist gut so - es sei denn, die Denker nähmen das Gedachte als Absolutes.

  • Dann nämlich kann ein junger Orientale ein gutes Gewissen haben, wenn er, um die Ehre seiner Familie wiederherzustellen, im Auftrag des Familienrats seine europäelnde Schwester tötet.
  • Dann kann sich ein unterbelichteter Präsident von Gott beauftragt sehen, den Irak zu bombardieren und zu besetzen.
  • Dann kann sich ein Mann mit der heiligen Schrift, an deren göttlichen Ursprung er glaubt, rechtfertigen, wenn er seine Frau schlägt, die ihn mit eigenen Ansichten aus der Fassung gebracht hat.
  • Dann können sich nicht wenige Islamgelehrte und muslimische Ärzte auf Gottes Gesetz berufen, wenn sie fordern und in die Tat umsetzen, die sexuelle Erregbarkeit von Mädchen und Frauen durch Verkürzung der Klitoris herabzusetzen.
  • Dann entbehrt es nicht eines theologischen Untergrunds, wenn ein frommer Bibelübersetzer das Judentum als verlogen verabscheut und wenn er in Wort und Schrift Rechtfertigungsgründe für antijüdische Pogrome liefert. «Solches sol man thun, unserm Herrn und der Christenheit zu ehren damit Gott sehe, das wir Christen seien.» (Von den jüden und iren lügen, 1543)
  • Dann kann man es als eine heilige Handlung ansehen, wenn ein Mann Gottes Hunderte von Priestern einer konkurrierenden Religion zusammentreiben lässt und eigenhändig abschlachtet.

Man kann also in ein bestimmtes religiöses Umfeld hineingeboren werden und, von ihm geprägt, in es hineinwachsen. Gegen diesen Enkulturationsprozess spricht nichts und wirklich gar nichts. Aber: Das Moment der Entscheidung geht diesem verinnerlichten Glaubensimplantat ab. Mit der Aufnahme der religiösen Muttermilch ist eine stille Feiung des jungen Menschen gegen religiöse Fremdeinwirkungen verbunden. Solange die Selbstverständlichkeit seines Selbstverständnisses nicht durch existenziell kritische Diskrepanzerlebnisse in Frage gestellt ist, weiß man nicht recht auf die Infragestellung seines Glaubens zu reagieren und sind daher Versuche, seinen Glauben rational, in der Kommunikation nachvollziehbar zu rechtfertigen, im allgemeinen in Hinsicht auf die Tiefe aufgesetzt, in Hinsicht auf die Logik zirkelschlüssig und in Hinsicht auf die Wirkung vielleicht beeindruckend, nicht aber eigentlich überzeugend.
Damit kann man aber doch leben - - - es sei denn, der Implantatsträger beginnt, um sein Implantat zu fürchten, sei es weil es sich auflösen könnte, sei es weil er selbst es abstoßen könnte. Angst um den Bestand des Selbstverständnisses kann Überreaktionen hervorrufen, die nicht nur die Innenwelt, sondern auch das Verhalten zur Außenwelt in Unordnung bringen.
Damit allerdings kann man nicht gut leben.

Fürwahr, Religion muss für vieles herhalten. Sie  bedient Weltbilder, Regelungsbedarf, Beschwörungsbedarf, Rechtfertigungsbedarf, Sendungsbewusstsein, individuelle und ethnokulturelle Identität. Gäb's keine Religion, der Mensch würde sie sich erfinden; so sehr verlangt sein subjektiver Geist nach objektiver Verankerung. In der Religion kommt das unruhige, anfechtbare und angefochtene Subjektive zur Ruhe und Gewissheit. Ehrfürchtig und liebevoll schaut es auf zu seiner Objektivierung als dem Absoluten.

Der (religiöse) Glaube nennt die Idee des Zwecks aller Zwecke und des höchsten Guts "Gott". Wiewohl Objekt des Glaubens, entzieht sich Gott aber der Objektivierung durch das glaubende Subjekt: er ist für den Glaubenden das eigentliche, ihn bestimmende Subjekt, und Glauben ist dasjenige Denken, das in dieser inbegrifflichen Subjektivität aufgehoben ist.
Religion aber ist Bindung durch Lehrsätze, Hierarchie, Bimbam und Klimbim, worin mancher Glaube Halt zu finden sucht.

Siehe auch: Johannas Web-Journal: Absolutheit.

Credo ut..., credo quia...

Nicht "credo ut intellegam" (ich glaube, damit ich verstehe) oder "credo ut cognoscam" (ich glaube, damit ich erkenne), nämlich gar kein "credo ut" (ich glaube, damit).
"Do ut des" (ich gebe, damit du gibst) ist heidnische Glaubenshaltung, nicht aber christliche (und vermutlich auch nicht islamische, wenn ich an Ra-bi'a al-'Adawiyya, 717-801, denke).

Ein "credo quia absurdum est" ist als Credo ein Nichts, denn jeder weiß von anderen und sogar von sich selbst, dass in Köpfen vielfältige absurde Vorstellungen nisten, die, wenn ihre Absurdität schon zureichender Grund wäre, sie in einem Glaubensakt für Wahrheit zu halten, einen Glauben an alles, nur nicht an die Entfaltbarkeit der Vernunft begründeten.