Uns Menschen tut Religiosität existentiell not; ohne Religiosität hätte unser Verständnis von der Welt und von unserer Stellung in der Welt keinen verlässlichen Anker. Ohne Religiosität wären Führungslosigkeit, Leid, Hass und Ungerechtigkeit nicht widerlegt, ohne Religiosität könnten wir der Wirklichkeit keine Hoffnung entgegensetzen.
Das macht den schwachen Menschen stark. Darin liegt aber zugleich eine Gefahr. Nämlich dass das eigene religiöse Bedeutungsgefüge mit den darunterliegenden Grundmotivationen sich verselbstständigt, seine Bescheidenheit aufgibt, sich verabsolutiert und sich als Ideologie gegen die eigene Person und/oder gegen andere Menschen wendet.
Theologisches Selbstverständnis als "Betrachtung mit den Augen Gottes" -: damit fängt die Hybris bereits an, die in einem Circus vitiosus den Menschen aus dem Blick verlieren und nichts gewinnen kann als nebulösen Umfang. Theologien, die sich nicht mit dem Versuch bescheiden, Gott von den Menschen her zu denken, sondern aufgebrochen sind, den Menschen von Gott her zu denken, erheben sich über die Eigenschaft, die sie dennoch behalten: Menschenwerk zu sein.
Ich wende mich daher strikt gegen die ungefilterte Hereinnahme religiösen Verderbtheits-, Untergangs- und Endzeitdenkens in die Politik. Ich finde es allgemein fragwürdig, wenn gesellschaftliche und politische Probleme und Vorgänge religiös interpretiert werden. Ich achte die Religion eines Menschen, weil ich den Menschen achte; aber eben weil die Religion im Menschen ist, sind religiöse Denk-, Handlungs- und Sprechweisen menschlich - nicht weniger, aber auch nicht mehr. Wer das vergisst und meint, Gottes Denken denke in ihm, er sei Gottes Arm und aus ihm spreche Gottes Wort, ist vermessen, und ich sage - aus meiner Religiosität heraus -: er dient einem Götzen.
2007-07-17
Existentiell nötige Religiosität und ihre politische Vergötzung
Herrschaft Christi - biblisch oder weltlich
Was der versuchte Jesus ablehnt - und auch als auferstandener Christus nicht in Anspruch nimmt -, ist der Besitz der Reiche dieser Welt und deren Macht und deren Pracht. Der gekreuzigte und auferstandene Christus ist als Herrscher nicht vergleichbar einem irdischen König, dessen Macht und Herrlichkeit auf der Macht und Herrlichkeit seines Reiches gründet. Christi Macht ist im Himmel, und sie ist der Möglichkeit und der göttlichen Zielsetzung nach auch auf der Erde; diese Macht auf der Erde wirklich werden zu lassen, lautet der Auftrag Christi an die Seinen.
Das mag ein Kriterium sein für die Unterscheidung zwischen einem öffentlichen, auch politischen Auftreten im Dienste der von Gott kommenden Herrschaft Christi und dem Bestreben, diese Herrschaft Christi weltgemäß zu institutionalisieren und somit zu substituieren.
Daher verstehe man diese Hymnen* geistig-geistlich, nicht politisch-weltlich:Quid, Herodes,
Metu langues
Super Christo?
Non est meum,
Inquit, regnum
De hoc mundo.
In aeternis
Non caducis
Iste regnat,
Non haec tollit
Neque cupit,
Qui dat illa.
Ex quo, per quem, in quo cuncta,
perpes ipsi gloria,
Cuius regnum sine fine
regna regit omnia,
Ad adventum cuncta suum
disponuntur saecula.
Venite populi,
de longe venite,
et admiramini gentes.
An alia natio tam grandis,
quae habet deos appropinquantes sibi,
sicut Deus noster adest nobis,
cuius in ara veram praesentiam
contemplamur iugiter
per fidem vivam.
* Quid Herodes: Abaelard: HYMNARIUS PARACLITENSIS, 103,3 (In festo Innocentum)
Ex quo, per quem: Abaelard: HYMNARIUS PARACLITENSIS, 81,1 (In festis ss. Angelorum)
Venite populi: Anonymus
2007-07-15
Credo ut..., credo quia...
Nicht "credo ut intellegam" (ich glaube, damit ich verstehe) oder "credo ut cognoscam" (ich glaube, damit ich erkenne), nämlich gar kein "credo ut" (ich glaube, damit).
"Do ut des" (ich gebe, damit du gibst) ist heidnische Glaubenshaltung, nicht aber christliche (und vermutlich auch nicht islamische, wenn ich an Ra-bi'a al-'Adawiyya, 717-801, denke).
Ein "credo quia absurdum est" ist als Credo ein Nichts, denn jeder weiß von anderen und sogar von sich selbst, dass in Köpfen vielfältige absurde Vorstellungen nisten, die, wenn ihre Absurdität schon zureichender Grund wäre, sie in einem Glaubensakt für Wahrheit zu halten, einen Glauben an alles, nur nicht an die Entfaltbarkeit der Vernunft begründeten.