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2009-05-07

Paul Tillich: Gott erwarten vs. Gott besitzen

Durch nichts ist unser (Glaubens-) Leben mehr gekennzeichnet, als durch die selbstgeschaffenen Gottesbilder. Ich denke an den Theologen, der nicht auf Gott wartet, weil er ihn, in ein Lehrgebäude eingeschlossen, besitzt. Ich denke an den Theologiestudenten, der nicht auf Gott wartet, weil er ihn, in seine eigene Erfahrung eingeschlossen, besitzt. Es ist nicht leicht, dieses Nicht-Haben Gottes, dieses Warten auf Gott zu ertragen. Es ist nicht leicht, Sonntag für Sonntag zu predigen, ohne den Anspruch zu erheben, Gott zu besitzen und über ihn verfügen zu können... Ich bin überzeugt, dass ein großer Teil des Widerstandes gegen das Christentum daher rührt, dass die Christen, offen oder versteckt, den Anspruch erheben, Gott zu besitzen und daher das Element der Erwartung verloren haben, das so entscheidend für die Propheten und Apostel ist ... Wir sind stärker, wenn wir warten, als wenn wir besitzen. Wenn wir Gott besitzen, so reduzieren wir ihn auf einen kleinen Ausschnitt, den wir von ihm erfahren und begriffen haben, und wir machen aus ihm einen Götzen... Aber wenn wir wissen, dass wir ihn nicht kennen, und wenn wir auf ihn warten, um ihn zu erkennen, dann wissen wir wirklich etwas von ihm, dann hat er uns ergriffen und erkannt und besitzt uns. Dann sind wir Glaubende in unserem Unglauben, und dann sind wir von ihm bejaht trotz unseres Getrenntseins von ihm.
(Religiöse Reden I 165ff).

2008-06-16

Kants Postulat der Existenz Gottes

In seiner Kritik der reinen Vernunft (B 857) schreibt Kant, er sei (nicht es sei, sondern: er sei) moralisch (nicht logisch, sondern: moralisch) gewiss, dass ein Gott sei. Die Vernunfterkenntnis der inneren Notwendigkeit, dass ein sittliches Gesetz sei, ist für Kant das Entscheidende; praktische Gründe ("um jenen Gesetzen Effekt zu geben") führen ihn zu der "Voraussetzung einer selbständigen Ursache, oder eines weisen Weltregierers". Diese Voraussetzung kennzeichnet er aber ausdrücklich als eine Hilfskonstruktion für "die letzten Zwecke der Vernunft", nämlich des Handelns im Einklang mit den (der Vernunft immanenten) Moralgesetzen, nicht etwa als einen realen und real wirkenden Gegenstand der Erkenntnis.
"Wir werden", schreibt er (B 847), "Handlungen nicht darum für verbindlich halten, weil sie Gebote Gottes sind, sondern sie darum als göttliche Gebote ansehen, weil wir dazu innerlich verbindlich sind."
Formal könnte man diesen Kantschen Vernunftglauben in Übereinstimmung sehen mit der islamischen Regel, die Religion dürfe nicht elementaren Vernunftregeln widersprechen. Aber diese Entsprechung trägt nicht weit genug, um zu behaupten, dass der Gott des Philosophen Kant, nach dem restlos(!) alle Gottesbilder bloße austauschbare Hilfsvorstellungen sind, "nicht anders" sei als etwa der sich Abraham/Ibrahim offenbarende Gott.

«Also ist die oberste Ursache der Natur, so fern sie zum höchsten Gute vorausgesetzt werden muß, ein Wesen, das durch Verstand und Willen die Ursache (folglich der Urheber) der Natur ist, d.i. Gott. Folglich ist das Postulat der Möglichkeit des höchsten abgeleiteten Guts (der besten Welt) zugleich das Postulat der Wirklichkeit eines höchsten ursprünglichen Guts, nämlich der Existenz Gottes.»
[Kant: KpV - Das Dasein Gottes, als ein Postulat der reinen praktischen Vernunft]

Kants Postulat der Existenz Gottes (ebenso wie das Postulat der Unsterblichkeit) stellt das - nach Kant - sonst fehlende Bindeglied her zwischen den beiden Teilen des höchsten Guts: der Sittlichkeit und der Glückseligkeit. Das Ziel der Glückseligkeit müsse dem Gesetz der Sittlichkeit "angemessen" sein, daher sei es "moralisch notwendig, das Dasein Gottes anzunehmen", schreibt er (a.a.O.). Er weist aber ausdrücklich darauf hin,
a) "dass diese moralische Notwendigkeit subjektiv, d.i. Bedürfnis, und nicht objektiv, d.i. selbst Pflicht sei" und
b) "dass die Annehmung des Daseins Gottes" nicht etwa "als eines Grundes aller Verbindlichkeit überhaupt notwendig sei" (denn der Grund aller Verbindlichkeit beruht nach Kant "lediglich auf der Autonomie der Vernunft selbst").
Nur unter diesen Voraussetzungen will er verstanden wissen, was er weiter schreibt: dass nämlich die "Hervorbringung und Beförderung des höchsten Guts in der Welt" "unsere Vernunft nicht anders denkbar findet, als unter Voraussetzung einer höchsten Intelligenz". Für die theoretische Vernunft, schreibt er, ist diese Annahme "Erklärungsgrund", Hypothese; in Beziehung auf die dem moralischen Gesetz verpflichtete praktische Vernunft kann diese Annahme "Glaube, und zwar reiner Vernunftglaube, heißen".
Wie Kant weiter aufzeigt, "ist das höchste Gut in der Welt nur möglich, so fern eine oberste Ursache der Natur angenommen wird, die eine der moralischen Gesinnung gemäße Kausalität hat. Nun ist ein Wesen, das der Handlungen nach der Vorstellung von Gesetzen fähig ist, eine Intelligenz (vernünftig Wesen) und die Kausalität eines solchen Wesens nach dieser Vorstellung der Gesetze ein Wille desselben." Und dann folgt der bereits zitierte Schluss: "Also ist die oberste Ursache der Natur, so fern sie zum höchsten Gute vorausgesetzt werden muß, ein Wesen, das durch Verstand und Willen die Ursache (folglich der Urheber) der Natur ist, d.i. Gott. Folglich ist das Postulat der Möglichkeit des höchsten abgeleiteten Guts (der besten Welt) zugleich das Postulat der Wirklichkeit eines höchsten ursprünglichen Guts, nämlich der Existenz Gottes."

Zur Frage der Gottesvorstellung sagt Kant:

«[...] Wir bedürfen, um uns übersinnliche Beschaffenheiten faßlich zu machen, immer einer gewissen Analogie mit Naturwesen.»
[Kant: AA VI, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, Seite 064]

Damit sagt er aber etwas über uns und unser Vorstellungsvermögen aus, und nichts über den Gegenstand der Vorstellung.

2008-05-04

Im Schauen eins.

Das Auge, in dem ich Gott sehe, das ist dasselbe Auge, darin mich Gott sieht;
mein Auge und Gottes Auge, das ist ein Auge und ein Sehen und ein Erkennen und eine Liebe.
Der Schauende und das Geschaute werden im Schauen eins.

Meister Eckhart

2007-12-22

Offene Fragen meiner Schwippschwiegernichte

Meine Schwippschwiegernichte, im Genuss bergisch-katholischen Religionsunterrichts, räsonierte jüngst im Zusammenhang mit der weihnachtsgeschichtlichen Vaterschaftsfrage -

Lk 1,34 f.: "Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich von keinem Manne weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das von dir geboren wird, Gottes Sohn genannt werden."
- ob dann, wenn Gott in drei Personen existiere, nicht statt des Vaters der H/h(?)eilige Geist als Vater Jesu gelten müsse? Oder auch die Kraft des Höchsten - obwohl selbige in der Dreifaltigkeitsdefinition keine Erwähnung finde? Wie sei das überhaupt mit dem "Auge Gottes", der "Hand Gottes", der "Hilfe Gottes", dem "Zorn Gottes", der "Langmut Gottes", der "Liebe Gottes", der "Barmherzigkeit Gottes" - müssten diese Aspekte Gottes nicht ebenso wie sein "heiliger Geist" als "Metastasen" (sie meinte Hypostasen!) Gottes ins Bekenntnis eines Glaubens an den halt vielfaltigen Gott aufgenommen werden?
Im Religionsunterricht kamen ihre Fragen nicht recht an; ihr wurden Störung der andächtigen Stimmung und Abschweifung vom kirchenjahreszeitlich festgelegten Unterrichtsthema zur Last gelegt.
Auch ihre Leute zu Hause wussten nicht, wie sie mit den Problemen dieses unreifen Teenagers umgehen könnten.
Meine Trostversuche wiesen in eine glaubensgestärkte Zukunft.

2007-07-15

Religion als objektivierter Glaube und Glaube als subjektivierte Religion

Von der Instrumentalisierung transzendierter Glaubensimplantate
Oder:
Von der Gefährlichkeit der Verabsolutierung des Relativen und der Relativierung des Absoluten

Religion muss für vieles herhalten. Sie bedient Weltbilder, Regelungsbedarf, Beschwörungsbedarf, Rechtfertigungsbedarf, Sendungsbewusstsein, individuelle und ethnokulturelle Identität. Gäb's keine Religion, der Mensch würde sie sich erfinden; so sehr verlangt sein subjektiver Geist nach objektiver Verankerung. In der Religion kommt das unruhige, anfechtbare und angefochtene Subjektive zur Ruhe und Gewissheit. Ehrfürchtig und liebevoll schaut es auf zu seiner Objektivierung als dem Absoluten.

Mensch besetzt das Absolute zonenweise. Das Resultat, die Kartographie des Absoluten, findet sich in jedem Schulatlas. Kreuze an Schulraum- und Gerichtssaalwänden, Bärte und Locken, Hüte und Kappen, Verbeugungen und Kniefälle, Verhüllungen und Beschneidungen von Körperteilen, Rufe und Gesänge, Lautsprecher und Glocken, Türme und Schiffe zeigen lokale und personale Residenzen von Varianten des Absoluten an.

Wirst du im emsländischen Papenburg geboren, hast du mit hoher Wahrscheinlichkeit römisch-katholische Eltern, feierst die Erstkommunion, wirst gefirmt, heiratest katholisch und erziehst deine Kinder entsprechend. Kommst du hingegen im 20 km entfernten ostfriesischen Leer zur Welt, hast du mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit evangelische Eltern, wirst konfirmiert, heiratest protestantisch und erziehst deine Kinder entsprechend. Es sei denn, deine Eltern haben eine Migrationsbiographie. Dann wirst du mit hoher Wahrscheinlichkeit Muslim sein und mit einem muslimischen Partner ehelich verbunden werden und Kinder in die Welt setzen, die die Religion deiner Väter annehmen und weitervererben werden.

Mithin wird das invariante Absolute in konkreten Varianten gedacht. Welchem Menschen wäre auch etwas anderes möglich? Und das ist auch gut so.

Es ist gut so - es sei denn, die Denker nähmen das Gedachte als Absolutes.

  • Dann nämlich kann ein junger Orientale ein gutes Gewissen haben, wenn er, um die Ehre seiner Familie wiederherzustellen, im Auftrag des Familienrats seine europäelnde Schwester tötet.
  • Dann kann sich ein unterbelichteter Präsident von Gott beauftragt sehen, den Irak zu bombardieren und zu besetzen.
  • Dann kann sich ein Mann mit der heiligen Schrift, an deren göttlichen Ursprung er glaubt, rechtfertigen, wenn er seine Frau schlägt, die ihn mit eigenen Ansichten aus der Fassung gebracht hat.
  • Dann können sich nicht wenige Islamgelehrte und muslimische Ärzte auf Gottes Gesetz berufen, wenn sie fordern und in die Tat umsetzen, die sexuelle Erregbarkeit von Mädchen und Frauen durch Verkürzung der Klitoris herabzusetzen.
  • Dann entbehrt es nicht eines theologischen Untergrunds, wenn ein frommer Bibelübersetzer das Judentum als verlogen verabscheut und wenn er in Wort und Schrift Rechtfertigungsgründe für antijüdische Pogrome liefert. «Solches sol man thun, unserm Herrn und der Christenheit zu ehren damit Gott sehe, das wir Christen seien.» (Von den jüden und iren lügen, 1543)
  • Dann kann man es als eine heilige Handlung ansehen, wenn ein Mann Gottes Hunderte von Priestern einer konkurrierenden Religion zusammentreiben lässt und eigenhändig abschlachtet.

Man kann also in ein bestimmtes religiöses Umfeld hineingeboren werden und, von ihm geprägt, in es hineinwachsen. Gegen diesen Enkulturationsprozess spricht nichts und wirklich gar nichts. Aber: Das Moment der Entscheidung geht diesem verinnerlichten Glaubensimplantat ab. Mit der Aufnahme der religiösen Muttermilch ist eine stille Feiung des jungen Menschen gegen religiöse Fremdeinwirkungen verbunden. Solange die Selbstverständlichkeit seines Selbstverständnisses nicht durch existenziell kritische Diskrepanzerlebnisse in Frage gestellt ist, weiß man nicht recht auf die Infragestellung seines Glaubens zu reagieren und sind daher Versuche, seinen Glauben rational, in der Kommunikation nachvollziehbar zu rechtfertigen, im allgemeinen in Hinsicht auf die Tiefe aufgesetzt, in Hinsicht auf die Logik zirkelschlüssig und in Hinsicht auf die Wirkung vielleicht beeindruckend, nicht aber eigentlich überzeugend.
Damit kann man aber doch leben - - - es sei denn, der Implantatsträger beginnt, um sein Implantat zu fürchten, sei es weil es sich auflösen könnte, sei es weil er selbst es abstoßen könnte. Angst um den Bestand des Selbstverständnisses kann Überreaktionen hervorrufen, die nicht nur die Innenwelt, sondern auch das Verhalten zur Außenwelt in Unordnung bringen.
Damit allerdings kann man nicht gut leben.

Fürwahr, Religion muss für vieles herhalten. Sie  bedient Weltbilder, Regelungsbedarf, Beschwörungsbedarf, Rechtfertigungsbedarf, Sendungsbewusstsein, individuelle und ethnokulturelle Identität. Gäb's keine Religion, der Mensch würde sie sich erfinden; so sehr verlangt sein subjektiver Geist nach objektiver Verankerung. In der Religion kommt das unruhige, anfechtbare und angefochtene Subjektive zur Ruhe und Gewissheit. Ehrfürchtig und liebevoll schaut es auf zu seiner Objektivierung als dem Absoluten.

Der (religiöse) Glaube nennt die Idee des Zwecks aller Zwecke und des höchsten Guts "Gott". Wiewohl Objekt des Glaubens, entzieht sich Gott aber der Objektivierung durch das glaubende Subjekt: er ist für den Glaubenden das eigentliche, ihn bestimmende Subjekt, und Glauben ist dasjenige Denken, das in dieser inbegrifflichen Subjektivität aufgehoben ist.
Religion aber ist Bindung durch Lehrsätze, Hierarchie, Bimbam und Klimbim, worin mancher Glaube Halt zu finden sucht.

Siehe auch: Johannas Web-Journal: Absolutheit.